Und er war ein zu großer Künstler, als daß er nicht aus der klaren Wollust der Form heraus die Todfeindschaft der Zuchtlosen gespürt hätte.
Er haßte die Menge aristokratisch im besten Sinne, obwohl er kein Reaktionär war, und obwohl er die Menschen mit der Anteilnahme eines sympathischen Athleten liebte. Aber ihr Auftreten als Gesamtheit, die stets den Gesetzen des Schönheitswidrigen und Geistfeindlichen sich beugte, ertrug er nicht ohne Fassungslosigkeit und Zorn.
Er sieht, daß von den Regierungen bis zu den kleinsten Kritikern, von den Theaterleitern bis zu den Redakteuren, daß alles, was das geringste Stück Macht in der Hand hat, der Kunst gegenüber versagt, da Macht subaltern ist, und, seit die Erde sich drehte, Schönheit und Gutes nie mit ihr verbunden war. Er sieht La Biche und Du Camp in der Akademie, und es ist ihm zum Speien. Er sieht ein Publikum, das mit Speeren und Pistolen der Kunst gegenübertritt.
Er sieht ein Land voll Selbstschüssen, Tellereisen und Falltüren für das Schöne. Er sieht die Führer der Literatur demoralisiert, auf der Gier nach Erfolg zitternd vor Mißerfolg und Versagen, und schon so an die bürgerliche Börse des niederen Erfolges geschmiedet, daß sie zappeln, statt fürstlich nur der Kunst ins Gesicht zu sehen. Er weiß als ein Gelehrter auch, daß sogar Boileau die Dummheiten, die er in der Akademie hören mußte, sein Ende beschleunigt haben, und er zieht die Folgerung daraus: dies Jahrhundert ist keines Auftriebes fähig, keiner großen zeugenden Kraft untertan.
An politische Umänderung der Welt glaubte er nicht. Die Commune ist ihm die letzte Zuckung des Mittelalters. Er verachtet diese Zeit, aber er entzieht sich ihr nicht.
Er nimmt sie zwar in seinen Romanen als Modell, aber er nimmt sie nur, um sie zu malen, nicht um Partei zu ergreifen. Er benutzt sie, um auch durch ihre Armseligkeit an wahrer Erhabenheit zur Dichtung vorzudringen. Sie ekelt ihn, aber er treibt sie dennoch bis in die kalte Luft der größten Dichtung, und muß sehen, daß die Zeitgenossen ihn für einen Stümper halten.
Ihre naturalistischen Programme sind wie die Wagen bei den Pferderennen aufgestellt. Er war nicht so tief unten, um darauf zu passen, so belächelte man ihn. Daß man Flaubert für einen Realisten hielt, weil seine Epoche damit bis zum Erwürgen voll war, ist einer der lächerlichen Irrtümer, die die Blindheit der Zeitgenossen hervorbringt. Die Zeit ist immer voll von Mißverständnissen, genau wie jede Handlung von Bedeutung.
Als Flaubert verhinderte, daß die Prosa immer heftiger in die Gossen der Gebrauchssprache lenkte und ein Idiom von ungeheurer Dichte und marmorkalter Zucht dem entgegenwarf, hielten die Menschen ihn für einen Verfasser von Cochonnerien und zogen ihn vor die Assisen. Er aber weiß die Tragik, die ihn von seiner armseligen Zeit trennt, sieht, daß Ehren entehren, Titel herabsetzen, Ämter die Menschenwürde nehmen, und zuckte die Achseln, aber nicht ohne mit Hoheit den Kampf gegen die Dummheit aufzunehmen. Auch war er ohne Eitelkeit, daß Lob ihn keineswegs überzeugte. Von diesen Menschen freute es nicht. Es schmeichelt vielleicht, aber innerlich erfriert er vor Verachtung.
Doch, wenn er seine Zeit ablehnte, die seinem Wesen zu eng und seinem Anspruch zu klein war, so hatte das Altertum dagegen als Ganzes für ihn ungeheure legendäre Kraft. Doch flüchtete er nicht hinein wie sein Kollege Huysmans, der aus künstlicher Ästethik und, unfähig, seine Zeit zu zwingen, in den Rausch der mittelalterlichen Ekstasen, wie in eine Bekehrung mit klappernden Nerven sprang.
Vielmehr wandte er sich von dem Jahrhundert, das um die Suppenschüsseln der Arbeiter und die unbefleckte Empfängnis katholisch und sozial und verdummend schaukelt, er wandte sich von den politischen Raketen, die er haßte, zeitweise in die antike Welt, um aus den phantastischen Stoffen und der Raserei zeitloser Leidenschaften ein Bild des Gewaltigen zu gestalten.