Und wenn es ihn schon reizte, seine miserable Gegenwart zu dichterischem Gebilde und Haltung und Ausmaß zu entflammen, so reizte es ihn wie einen Rasenden, die Größe schon entgegenzunehmen aus den mythischen Zeiten und den visionären Stoffen, und dies Maß erlesener Stoffe zu einem kolossalen tropischen Gebilde innerer Maße und zuchtvoller Gesetzmäßigkeit zu gestalten.

Keine dieser Aktionen war eine Flucht. Der Wechsel war nur ein Ausgleich der Spannungen, denn der Wille zum Formen war in ihm beispiellos.

Jene Legende des Sokrates, der am Vorabend seines Todes eine Melodie von einem Spielmann zu lernen begehrt, um selbst sie in unersättlichem Daseinsdrang vor dem Tode ja noch zu haben, darf ihm, da das Leben kurz und die Kunst lang ist, als das Höchste der Moral erschienen sein.

Flaubert ist ein Weltmann und er erholt sich, was heute außer Mode, wie die gebildeten Leute seiner Zeit, von der Unzulänglichkeit der Menschen bei der Kunst. Der Gentleman zitiert stundenlang Verse, an ihrem Wohllaut wie an Musik und schönen Speisen sich erfreuend. Dieser genaue Kenner aller Schliche und Kniffe des Daseins schmatzt mit Vergil herum. Er hat eine herbe männliche Liebe für alles Erlauchte und Dichterische. Er singt die Verse Hugos, er hat etwas von einem General, der sein Handwerk vollendet beherrscht, aber den Ruhm, lateinisch zu reden, darüber stellt.

Er genießt Kunst mit einer Sinnlichkeit ohne Gleichen, er saugt sie durch alle Poren ein, sein Gehör und sein Verstand sind für jede Schwingung der Werke und des Gedankens bis zur Exaltation empfänglich. Ein Gourmet der Kunst, aber ein nüchterner distanzierter Genießer zugleich, stoßen hier zusammen, aber er hat etwas auch von einem Boxer, der Sentiments zu verdecken hat.

Das Weltmännische und die Kunst ergänzen sich bei ihm in überlegenem Maße, denn er sucht das Herrische zu dämpfen, aber das Banale zu vergrößern. Er hat eine wundervolle Scham gegenüber dem Eigenleben der Stoffe.

Den, der Größe trägt, läßt er sie nicht laut sagen, aber den Armseligen treibt er aus Mitleid bis in die vollendete Figur, die ihm möglich scheint. Eine noble Vornehmheit erfüllt so alle seine Charaktere.

Da er gut und schlecht nur schildert, wie alle große Kunst es tut, als Bestandteile der Kunst, die sich entwickeln nach ihrer Gesetzlichkeit, die also nur zu gestalten sind, ohne daß man für sie Partei nimmt, kommt eine Einfachheit in ihn, die ohne gleichen wird. Die steilsten Leidenschaften ziehen sich irgendwie zurück, das alltägliche Menschliche herrscht wieder. Aber die banalsten Dinge bekommen eiserne Haltung, daß sie so simpel, aber so monumental ausgehen wie das Leben und wie jener wundervolle Schluß der „éducation sentimentale“, dem kein Gott etwas wegzunehmen, aber auch nur ein geringes hinzuzufügen vermochte.

Aber schon hier, wo Takt und Stärke sich liebevoll vereinen, ist er auf dem furchtbaren Wege vom Genießen in die Hölle. Der zerstörende Prozeß der Arbeit tritt ihm aus der Kunst mit allen Martern entgegen. Der Amateur wird Dompteur, und diese Dressuren und Jagden in die Kunst hinein zeigen das größte jahrzehntelange Martyrium der Geschichte.

Die anderen Schreiber seiner Zeit hatten doch neben der Kunst noch ein Leben nebenher sich zu bewahren gewußt, Zola, der wahrlich bestialisch schuf, hatte seine Geliebte, der Bienenfleiß der Brüder Goncourt ließ ihnen Raum zur Geselligkeit der Leute von Rang, die sie waren, Maupassant saß im Ministerium und hatte den tollsten Harem. Dieser Flaubert aber überging alles und wandte nur immer heftiger, je weiter die Jahrzehnte kamen, gebannt und unabwendbarer jedesmal, der Kunst sein Gesicht zu.