Er folgte ihrem gestirnhaften Gang mit der schicksalhaften Lähmung und Entschlossenheit der Sonnenblume, die dem Lauf des Taggestirnes mit dem offenen Mähnenkopf folgt und von der die Antike sagt, daß sie, eine Nymphe, auf diese Weise verzaubert an den Sonnengott voll unablässiger Sehnsucht gebunden sei. Flaubert bindet sich jedoch nicht an die Kunst wie ein Exaltierter und hat mit der zerrissenen Inbrunst des Van Gogh gar nichts zu tun. Er ist kein Gefressener von der Kunst, er ist ein Männlicher, ein stählern Entschlossener, er ist selbst ein Verspeiser, es ist etwas von der Ruhe des Detektivs in der Besessenheit, mit der er sein Leben ihr bestimmt.

Diese anderen, die Kunst wie Schaum vor dem Munde führten und zusammengekracht wären wie entleerte Puppen, wenn man sie ihnen entzogen hätte, diese Ekstatiker wie Gauguin und Grabbe und Bürger, diese Verbrennenden und Selbstzerstörer haben nichts Gemeinsames mit seinem kälteren und bewußten Furioso der Opferung.

Denn bei Flaubert wäre niemand im Zweifel, was wiederum keinem der andern geglaubt würde, daß er, wenn man durch einen Trick Kunst aus der Welt zu entfernen verstanden hätte, auch ein gewaltiges Leben anderswie mit gleicher Breite wie in seinen Romanen gelebt hätte, und daß seine Sehnsucht sich im Urbarmachen unbekannter Länder, in der Anlage phantastischer Städte, im Bau von unvorstellbaren Brücken und der Vollendung eiserner Organisationen fest erfüllt hätte.

Wenn es aber bestimmt war, daß einmal im Jahrhundert der denkwürdige Kampf zwischen Leben und Kunst in der Höhe eines symbolischen Vorganges ausgekämpft werden sollte, so ist es sicher, daß hier die Größe der Opferung der Größe der Leistung wohl entsprach. Daß aber auch der Ungeheuerlichkeit der Liebe, die aufgewandt wurde, sich die gleiche Fülle der empfangenen Qualen hinzufügte.

Die Kunst ist eine furchtbare Geliebte, wenn sie ernst gejagt wird, aber auch niemals mag ihr ein Gegner durch seine unerbittliche Kühle, mit der er jahrzehntelang die Zähigkeit dieser Jagd fortsetzte, so furchtbar geworden sein. Niemals hat aber jemand Kunst als Gegner mit solcher Würde, solcher Männlichkeit geehrt, indem er sie so sehr über alles stellte wie der Gallier Flaubert.

Dieser Mann zögerte keinen Moment, alles von sich abzutun, um ihr ganz zu gehören. Er ging nicht in die Wüste, vernachlässigte auch nicht die Eleganz seines Anzuges, worin nur Kinder und Einfältige das Wesen einer Überzeugung sehen, aber er bog sein ganzes Leben und alles, was daran hing, wie die Zacken einer Krone nach seinem Ideal hin.

Er faßte die Kunst von allen Seiten, und wenn sie sprach, hatte nichts mehr Wichtigkeit, und alles war nur voll Sinn im Hinblick auf sie. Er reiste nicht mehr, um ihr besser zu dienen. Er ließ eine Geliebte fallen, als sie ihn von ihr abzog. Er war gewohnt, gut zu leben, aber er hätte in dem Augenblick auch dem entsagt, wo es ihn gestört hätte, der Kunst näher zu rücken. Er opferte den Ruhm, die Ehrungen der Städte. Er haßte die Bewegungen und ließ auch den Sport, da sie an der gleichen Kraftquelle sogen wie seine Arbeit und blieb zuletzt nur festgebannt an der Platte des Tisches kleben, an der er die Kunst beschwor. Besuche kamen noch, Turgenieff, Zola, die Goncourts, Maupassant, Charpentier, aber, so sehr er sie einlud, so sehr sie ihn freuten, im Grunde zählte er doch, wieviel Tage, wieviel Stunden er dadurch an die Arbeit verloren.

Er war mit eigenem Entschluß und freier kühner Überlegung in diese furchtbare Umarmung hineingegangen, die ihn zerfleischte und erdrückte. Auch dieser Bewegung seines Lebens hat er dadurch Größe gegeben.

Doch hat er in dieser tragischen Verstrickung den großen europäischen Roman des letzten Jahrhunderts geschaffen. Zwischen den steif gewordenen Marionetten der Romantik und den tobenden Entfesselungen der Naturalisten steht er in einsamer und gebieterischer Haltung, den Blick weit über beide hinaus.

Man wird nicht umhin können, in späteren Jahrhunderten zu sagen, daß zwischen den großen Gefühlen und bunten Träumen der Befreier der Phantasie um Viktor Hugo und den hinreißenden Kämpfern für die Idee der Menschenwürde um Zola, daß zwischen beiden Verdiensten Flaubert den Roman weit über diese Aufgaben in die volle Repräsentation seiner Rasse hinaufgeführt hat.