Wohl hat er ebenfalls Farbe, und keiner konnte wie er malen, wenn er die See des Orients voll Flamingos sah, und die Röte des Schicksals purpurn über Karthago flammte. Aber in seiner Farbe saß die Anspannung eines Geistes, der nicht für Gefühle und nicht für Soziales, sondern für die höchste Entfaltung und Freiheit einer aufs letzte gedrängten und erhöhten Kunst lebte.
Er hatte das andere alles auch, aber nicht als Zweck und nicht als Ende. Denn Kunst hat keinen Ablauf zwischen irdischen Zielen und zwischen zeitlichen Absichten, sondern entrollt sich erst rein in der zeitlosen Zone ungeheurer dichterischer Figur. Da ist dann auch Romantisches dabei und Soziales darunter, aber beides sind nur Färbungen, und beides sind nur Teile eines unabsehbaren Mosaiks von Gegebenheiten, die die Räume des Dichterischen nach den Gesetzen großer Harmonien wie die Sternbahnen durchfluten.
In diese Höhe, wo nur ein Schurke gut und schlecht unterscheidet, und wo unter den Zwängen der Gestaltung die Schicksale und Ereignisse sich vor dem Horizont der Ewigkeit vollenden, trägt aber nur die gewaltigste Anspannung.
Daß Kunst so enorm sei, und daß der Roman nicht ein Gewäsch und ein Geplärr um gleichgültige moderne Probleme sei, sondern daß er in Dichtung hoch hinauf gefrieren müsse, das wieder gezeigt und gelehrt zu haben, ist Flauberts unsterbliche Tat. Neben der Leistung aber steht sein Leben als sinnbildhafter Vergleich für die Gewaltigkeit dieses Kampfes.
Er türmte nicht neues Material wie Zola, er attackierte nicht den Herzmuskel wie Dumas, kam nicht gigantisch und wirr wie Balzac und hüllte sich nicht in dichterische Melancholie wie Musset, er brauste nicht vielfarben wie Hugo . . . er goß seinen Roman aus Geist und Stoff und Sprache in ein fabelhaftes Gefäß, daß der Melodie der Sprache die ungehemmte Größe der Gedanken entsprach, wie der Breite des Stoffes die überirdische Ungebundenheit, in der er ihn bewegte.
Nach so vielen Verwässerern erschien endlich ein Erbauer des Romans. Diese Bücher wurden nicht geschrieben, sie wurden gehämmert. Diese Sprache erzählte nicht mehr, sondern sie war so transparent, daß sie versinnbildlichte. Diese Sätze waren nicht aus den Seifenblasen des Gefühls aufgetrieben, sie waren Architektur.
Seit langem entstand zum ersten Male wieder ein Roman, der eine Welt in sich einschloß, wo unter dem Kuppeldach der Dichtung alle Gefügtheiten der Seele und der Zeit in wahrhafter Gestaltung sich bewegten. Endlich wieder erschienen im Roman riesige Dimensionen der Idee im klaren Spiel sie begrenzender, zu höchster Zucht hinaufgeführter Formen.
Ein Gipfel war erreicht. Eine Sprache geschmiedet, die das Banalste faßte und vor Dichtertum gleichzeitig bebte. Ein Raum war umspannt an Weite, wie nicht zuvor. Der französische Roman bekam mit neuer Wahrheit europäische Geltung. Das leichte Glissieren des Französischen, das man gern nicht voll nimmt, erhielt durch seine Dichte neues Format. Über Balzac, der nicht nach Höhe gliederte, über Dostojewski, der in der psychologischen Gebundenheit seiner Figuren nie diese Freiheit erreichen kann, hat er ein neues Weltgefühl dichterisch und mit aller Ungebundenheit der Bewegung eingerahmt.
Es ist zwar keine Sache von dem Umfang eines Cervantes, der Breite des Rabelais, der wilden Gestuftheit des Shakespeare, so große Bauten schafft nur dies oder jenes Jahrhundert, das mit Kathedralen und göttlich durchkreisten Stilen sein Weltgefühl instrumentiert. Aber Flaubert schuf für die Dünne seiner Epoche ein Gebilde, das jeder Bedeutung angemessen, in seiner Strenge erstaunlich, mit seiner Konsequenz bewundernswert, und durch seine Größe ein stolzes Signal über dem Jahrhundert ist.
Seine Wichtigkeit ist international. Es gibt keinen Romanzier nach ihm, der ihn zu übertreffen vermocht hätte, aber es gibt kaum einen von Bedeutung, der ohne ihn auch nur denkbar wäre.