Der hellste Kämpfer der westlichen Gesittung, unseres europäischen Formwillens und agressiven Talentes hat sich hier gegen das mit barbarischen Kämpfern des Geistes nahende Rußland aufgerichtet.
Die Raumweite und die Süße des Mittelalters hat er in seinen Tag hinein gespannt, aber er hat auch verstanden, die Schnelligkeit und die Blitzschärfe und die flache Glätte unserer Zeit zu der wahrhaften Souveränität zu gestalten, die die westliche Kultur in ihren höchsten Punkten sicher inne hat.
Auch hat Flaubert diesem Werk einen festen Unterbau gegeben. Seine Genauigkeit kannte keine Grenzen. Er las ein Buch von vierhundert Seiten über Zypressen, weil er den Garten eines Astartetempels damit bepflanzen will. Er liest Dutzende von militärischen Büchern, weil er neue Effekte aus der antiken Kriegskunst, aus der klassischen Infanterie herausholen will. In vier Zeilen muß er ein Arbeitshaus in Lyon erwähnen, darum schreibt er einen langen Brief mit Fragen über die Lebensform, die Instrumente, er läßt sich eine Zeichnung anfertigen; er macht eine Reise, um eine Gegend anzusehen, die er in drei Zeilen als Rahmen um eine seelische Auseinandersetzung legen will. Er läßt den Helden der „éducation sentimentale“ von Fontainebleau während der Barrikadenkämpfe zurückkehren, er entfaltet ein großes Fragen, ob damals die Bahn existiert hätte, ob es wahrscheinlich sei, daß sie gesperrt gewesen sei, ob der Held den Wagen als das Natürlichere wohl nehmen könne oder ob nicht. Er läßt denselben Burschen Börsengeschäfte machen, aber er erkundigt sich in langen Briefen, welche Spekulationsobjekte zwischen Mai und Juni die gängigsten seien.
Er ist ein großer phantastischer Autor, er brauchte von alledem kein Wort.
Aber er will es wissen, er will auch dies beherrschen, er will hier wie überall das festeste Fundament. Er weiß, daß die letzte Grundlage der Kunst die Natur und das Tatsächliche ist, und daß von da erst die Himmelfahrt in das Dichterische beginnt. Er ist ein Pedant der Phantasie, ein klarer Errechner der Visionen. Aber . . . er beherrscht auch dies Geringe, und das Bewußtsein des Fundaments gibt dem Bau die Linie der Stetigkeit.
Er arbeitet jahrelang an „Salambo“, bis er aufbricht, es zu riechen, zu schmecken, und dann, den Duft des Erlebnisses, das Bild der Natur und des glühenden Himmels Karthagos im Hirn, zerstört er, nach Hause gekommen, das mühselig Geschriebene, und richtet sein Werk ganz nach dem Eindruck der Reise. Das Seltsame geschieht, daß der größte Visionär der Prosa einen ganzen phantastischen Roman zurückführt nicht auf die schönen Blitze seines Hirnes, sondern auf die Bilder, die ihn aus den armseligsten Resten gigantischer Historien, aus wahrlich kaum von der Wüste unterscheidbaren Ruinen packten. Um ganz groß und frei zu sein, muß man nämlich alles wissen, um es wieder vergessen zu können. Man beweist Überlegenheit nicht, indem man beiseite schiebt, sondern indem man erprobt.
Flaubert wußte alles, jedes medizinische, chemische, botanische Problem war ihm nah. Er (neben Strindberg) vereinigte das ganze Wissen seiner Zeit noch einmal, aber nicht, um es wie Zola zu beschreiben, sondern um es zu gestalten.
Er brauchte es nicht, aber er besaß es und, wo man auch die Totalität seines Werkes anfaßte, war er auch in den Details ein Könner und sandte die Wissenschaftler, die ihn attackirten, ebenso wie den geschwollenen St. Beuve, die ihn mit Albernheiten angriffen, mit überlegenen Witzen der Sachlichkeit nach Hause. Daß bei der Sitzung der wissenschaftlichen Gesellschaft dieser Romanschriftsteller der einzige war, der Hippokrates gelesen, ist für den Glanz seiner Romane, die nicht wie die von France mit dem dekorativen Fries des Wissens behängt sind, so gleichgültig wie nur etwas, aber es zeigt den Geist, der hinter den Werken stand.
Flaubert ist nie nach außen hin gescheit, aber er verstand es, das Wissen um die Dinge der Welt und die Kreise ihrer Kulturen in seine Bücher so hineinzuformen, daß es unbemerkt darin stand als Teil eines Menschen oder einer Entwickelung, dergestalt, daß ihre Vollkommenheit so groß war, daß sie das Milieu ihres Geistes nicht in Reden, sondern im Wesen hatten. So goß sich schon in den Voraussetzungen wundervoll straff die Struktur der Bücher, für die Marmor als Wort zu wenig und Stahl nicht süß genug für die Kraft ist.
Denn was Hanswurste und Alberne das Artistische an ihm nennen, ist ja nur das Überragende, und daß er eben verstand, alles zu wissen und nichts davon spüren zu lassen, daß er hinter alles zurücktrat und alles laufen ließ, aber dennoch eine Gewalt des Sinnbilds und eine Größe der Persönlichkeit hinter das Geschaffene stellte, die furchtbar in ihrer Intensität und bezaubernd in ihrer Schönheit sind.