Denn er war mit großem Anspruch an das Leben und zahlreichen Gelüsten geboren. Aber die verdammte Literatur, für die er sich völlig entschieden, hatte sie alle in seinen Bauch zurückgetrieben. Auch kannte er die Arbeit nicht nur als Wollust, sondern er kannte sie bis in ihre verbrecherischsten Tiefen: die Schützengräbenkämpfe um die Kunst . . . und kannte fürwahr die unfruchtbare Last der Tage und Wochen, wo er Kunst beschwor, und wo nichts kam, zu gut, als daß er Enttäuschung im Menschlichen (was doch gering war gegen den Zustand, wo Kunst ihn verließ) nicht leicht und rasch ertragen hätte.

Dennoch war er ein Lebenskünstler wie wenige. Wie die Solidität seiner dichterischen Gesichte war seine Kenntnis der Menschen fest fundiert. Denn durchschaute er sie nicht, wäre seine Unerbittlichkeit nicht so groß.

Er weiß alle Schlechtigkeit, man hat sie, jede, an ihm erprobt. Er weiß alle Sünden, denn alle Versuchungen sind an ihn herangetreten. Und die Welt und die Frauen, die er verlassen hat, und die Schritte der Dromedare in purpurnen Abendhimmeln und die großen Räusche italienischer Buchten und der Segel des Nils sind nicht ohne Größe wahrhaftig an das ihnen verschlossene Haus in Croisset getreten . . . und alle Versuchungen der Welt hat wahrlich nicht nur sein „Heiliger Antonius“ durchlebt.

Er kennt die Kompromisse, die das Leben ausstreckt, und er ist alt genug geworden, zu sehen, wie seine Generation und die Menschen seines Alters sich gehalten haben und er erschrickt. Er gibt nur einen Rat, hart zu sein und dem Edlen nur zu leben, das heißt, unerbittlich nach Kunst zu streben und alles zu verachten, was nicht dahin zielt.

Doch ist er Weltmann genug, die Höflichkeit in das Gebiet der Liebe und nicht in das der Strenge hinüberzuziehen, und er verehrt und liebt seine Freundin, eine bonapartische Prinzessin, obwohl er weiß, daß ihre Äußerung über Geistiges nicht mehr wiegt wie die eines sechsjährigen Kindes, aber er weiß ebenso der Bemühung ihres Salons um Kunst und der Würde ihrer Abkunft den Respekt zu geben, der gehört.

Er weiß auch, daß die Literatur der sicherste Maßstab für die Menschen ist, doch ist ihm auch nicht fremd, daß die Wirklichkeit sich nie dem Ideal beugt, aber daß sie dieses vielmehr bestätigt.

Wer seine Zeit so verachtete, daß er aus seinen modernen Romanen stets wieder in die Glut der antiken stürzte, wer sich erst überwinden mußte, auch das Zeitgemäße zu Würde zu gestalten, kann für Politik, die sein Jahrhundert verdarb, nichts anderes wie Abscheu haben. Er stand wie alle Geistigen zwischen den Lagern. Er hatte Sympathie für die Tradition, soweit sie adlig war, aber er haßte die Reaktion. Doch war sein Blut zu aristokratisch, als daß er die Demokratie in einer Republik aufgeplusterter Mittelmäßigkeiten geliebt hätte. Er hatte soziales Gefühl, aber er war kein Sozialist, ja er haßte diese Masse, die anrückte, wie jedes Publikum.

Er war wie sein großer Vorfahr Cicero und wie Plato für die Herrschaft einer Majorität, die nicht Nummer und Masse ist, sondern durch Generationen aufgeklärt ist, aus der Geschichte gelernt hat und eine legitime Aristokratie abstellt.

Da er aber weiß, daß dies der Brennpunkt aller Dinge ist, und daß hier die Dummheit unbesiegbar scheint und jene Tragik beginnt, die unser Dasein in Krieg und Frieden auseinander reißt, wendet er sich mit der Gebärde der Verachtung ab. Er entscheidet sich für die Kunst, der er treu dient wie keiner, und in deren Sphäre er diese Gegensätze, ohne respektlos sich hineinzumischen, in großen Gestaltungen seiner Hand schicksalshaft und mit monumentaler Geballtheit sich abrollen lassen kann.

Doch war er durch den ewigen Verzicht, sich direkt zu äußern, mit Meinungen bis zum Platzen gefüllt. Er hatte nur immer, statt zu erklären oder zu loben oder zu verurteilen, in die Handlungen seiner Figuren alles karg hineingestopft, und es wuchs glatt in das Ebenmaß ihrer Konturen. Er schrieb für die Ewigkeit und die Dichtung und nahm daher nicht kritisch Stellung, er malte keinen Jahrzehntgott, sondern nur unter Dauergesetzen. Aber manchmal, wenn die Dummheit ihn zu ersticken drohte, entschloß er sich wohl, im Alter, wenn er verdienstlich die großen Werke beiseite gelegt und seine Mission erfüllt hätte, Kritik zu treiben und in den Tag hinein das Schwert seiner Meinung zu tragen.