Er kam nicht dazu. Doch war er so unintellektuell, so unjüdisch gescheit, daß, hätte er geschrieben, nicht der Clown St. Beuve, sondern Flaubert der größte Kritiker seiner Zeit gewesen wäre. Seine Briefe, Muster an kristallener Klarheit, geben die Geschichte seiner Zeit, die Kritik der Literatur und das Urteil ihrer Menschen darin, kurzweilig und furchtbar, derb und gewaltig und in jedem Sinn meisterlich.
Flaubert wußte genau, wo er stand, was das Schicksal von ihm wollte und wohin er strebte. Das ist erstaunlich, mit welchem Anspruch auf Meisterliches und welchem Wissen um die Furchtbarkeit seines Kampfes sowohl wie auch um die vollendete Höhe seiner Mission er auftrat.
Erstaunlicher noch ist, wie die drei Längengrade, die seine Wallfahrt gliedern: die Größe und das Leben und die Kunst, in einer unverwirrbaren Symmetrie sich durch sein Dasein gelegt haben.
Worum verzweifelt die andern ringen, den einen Ausgleich nur zwischen Kunst und Leben sich zu erfinden, das vermochte er, indem er sein Leben hingab, auch noch ohne Erschütterung mit dem Anspruch auf Größe zu vereinen. Die Opfer, die auf dem einen Ufer niedergelegt wurden, haben auf dem andern wundervolle Triumphe gebracht.
Er wußte die unzerreißbare Kette seiner Romane in dieses Dreieck einzuspannen, und was er an Leben hineingab, wuchs ihm an Größe wieder in das Herz zurück, ein beglückender Kreislauf. In ihm ward das repräsentative Werk des Jahrhunderts geformt.
In diesem Sinne ist das bürgerliche Verenden in der „Bovary“ nichts anderes wie der herrische aufgebäumte Untergang in „Salambo“ und die „Versuchungen des Antonius“ haben irgendwo die gleiche Welt wie das furchtbare Grau vor „Bouvard et Pécuchet“.
Flaubert, der immer disponierte und, ein gewaltiger Taktiker der Arbeit, die Laufgräben gegen die Kunst lanzierte, hatte auf einen Samstag das Ende seines letzten Romanes und seine Abreise nach Paris festgesetzt. Er rief noch nach einem Parfüm und starb an diesem Tage auf seinem Divan. Maupassant telegraphierte in die Welt. Zola reiste durch halb Frankreich und traf in der Droschke zwischen Croisset und Rouen auf der Landstraße den Leichenzug, dem wenige Menschen folgten und den im Tod die Treuesten selbst verließen, und der den größten Romanzier Europas ins Grab trug, das wiederum zu klein geschaufelt war, um seinen Sarg fassen zu können, der kopfüber in die Erde stürzte, daß selbst die Menschen, die das Furchtbarste kannten, zu weinen anfingen über die tolle Kraft des Todes, dem auch die erlesene Größe nichts anderes wog wie einen Witz.
Als sie vorher auf dem kilometerlangen Weg durch die Sonne den Gallier mit dem Schnurrbart eines Feldherrn durch seine Vaterstadt Rouen fuhren, standen die Leute vor den Toren, um die Pariser Journalisten und Zola zu sehen. Der Name Gustave Flaubert erinnerte sie nicht an sein Werk, sie erinnerten sich vielmehr dabei seines Vaters, der Arzt in der Stadt gewesen war.
Hier aber trugen sie unerkannt einen der besten Söhne des Jahrhunderts an ihnen vorbei. Voltaire wußte es: „Das Leben ist ein kalter Scherz.“
Aber der Ruhm ist ewig und über alle Dummheit hinaus der Historie angehörig, wenn man solch ein Kämpfer für die Ewigkeit war.