Bis dahin sollte man aber so stolz sein, mit erhobenen Nacken sich als westliche Europäer zu fühlen und sich keine falschen Sehnsüchte zu suggerieren.
Was den duldsamen asiatischen Russen mit ihrem sehr großen, aber sehr abscheulichen Satrapen Dostojewski gut ist, ist den Deutschen sicher nicht, noch viel weniger aber den romanischen Völkern bekömmlich. Sie haben in dem Empfinden der Volksmassen viel zu wenig Sinn für das Übersinnliche und gar keine Mystik und ohne Ausnahme noch viel zu viel innere Bereitschaft für Bankkonten und Sparkassenbücher und viel zu viel, Gott in seiner Langmut scheinbar immer noch wohlgefällige, Sehnsüchte nach Lärm und Militär und kriegerischen Fahrten.
Die Russen sind eine asiatische Kinderschar mit einer unbeschreiblichen gläubigen Naivetät des Empfindens und einer ungeheuerlichen Bereitwilligkeit zu leiden und zu dulden.
Die romanischen Westeuropäer hatten die asiatische Geisteswelle, die mit den blonden Mauren über die Pyrenäen mit herrlichen Kulturen stäubte, mit ihrem europäischen Geist überwunden.
Heute ist der Anprall des eroberersüchtigen russischen Geistes auszuhalten. Lüge man sich doch nicht vor, Figuren Dostojewskis zu sein. Die Deutschen sind wahrlich näher bei Maupassant, so wenig elegant sie sind, als bei den Nervenkavalkaden dieses Asiaten.
Jedenfalls hat der europäische Januskopf heut nur diese beiden Gesichter.
Die Aufgabe der Deutschen könnte sein, von beiden nehmend zu erstarken und einen neuen europäischen Typ heraufzuführen, der in diesem Sinne noch nicht existiert. Das wäre ein großes und bedeutendes Unternehmen. Jedenfalls kann man nicht, wie von Hirnliliputanern geglaubt wird, so wenig wie einem Körper das Herz, der Zeit ihre Kunst aus dem Leibe schneiden und für sich allein gut präparieren und besehen. Man sieht dann wahrhaftig nicht mehr wie etwas Muskulatur, aber von Seele keinen Fetzen.
Wenn man sagt, es gäbe keinen deutschen Roman, in dem das Schicksal und die Seelengefahr und das tödliche Glück unserer Erdstriche so genau und schön gezeichnet sei wie in dem der Russen und Franzosen, spricht man gegen die Mentalität der Deutschen, aber nicht gegen ihre Kunst, der an Liebe und Begeisterung für ihre Größe und ihr Unglück eine andere voranzusetzen nichts anderes als eine lächerliche Einfältigkeit wäre. Der Mangel von heute kann jede Berufung von morgen sein und, wo aus der mangelnden Tradition her die Gleichheitslinien des Typus fehlen, ist wahrlich wundervolle Größe chaotisch getürmt.
Seit Gottfried Keller hatte man jedenfalls keinen Roman, der, Keyserling vielleicht ausgenommen, repräsentativ für den Ausdruck der Zeit und der nationalen Größe sich auch einem europäischen Publikum als der wahrhaft deutsche zeigen könnte.
Die Deutschen schrieben viel zwar über die Bäche und die Berge der Heimat, über die Eheirrungen der einzelnen Gesellschaftsschichten, über den Tod, sei er in Bülz oder Venedig zu Hause, über die Liebe, sei sie die des Verfassers der Göttinnen oder des wilden Panizza oder die christliche des Herrn Röttger, über die Kaufleute, sei es in Hamburg oder in Rottach, sei es von Ludwig Thoma oder der Boy-Ed oder dem Thomas Mann . . . das alles blieben zum Teil erbärmliche, zum Teil hinreißende Sachen, aber: es blieben Monologe und Konversationen von einer Coupéseite zur anderen, es wurde keine europäische Unterhaltung und es gab wahrlich keinen einzigen Geiger, dessen Ton in das Orchester der europäischen Konzerte einen Klang gebracht hätte, an dessen Wehmut und Stolz, an dessen Zerrissenheit und barbarischer Sehnsucht, an dessen Größe und Verhaltenheit ein internationales Publikum wie unter einer magischen Berührung gar kein anderes Gefühl hätte haben können, als daß dies lediglich der deutsche Ton sein könnte und nichts anderes auf dieser schiefen Welt.