Dies ist der nordische Mensch und sein Geheimnis. Dies ist Knut Hamsun.

Die Doppelexistenz löst das Rätsel der Menschen über das Geheimnis der Literatur. So kommt es, daß der nordische Mensch dasselbe bedeutet wie: Hamsun, ebenso wie Ciceros Name den Römer beschwört oder Mozart die Gleichung des Rokoko sofort hinzufügt.

Bei Hamsun endlich laufen alle Falten und Schatten und alle Erhabenheiten des nordischen Menschen zusammen. Hat sich die nordische Menschheitsfigur erst in allen Situationen und allen ihren Breiten und Längegraden erwiesen, tritt aus der großen Addition der Leidenschaften und Laster und Tugenden die Gestalt des Hamsun als Summe sinnbildhafter Größe hervor.

Man teilt Skandinavien heut in drei Königreiche ein, manchmal war es anders, die einen bekriegten, die anderen beherrschten einander, das wechselte und wird wechseln, es ist nicht wichtig.

Die drei Nationen verstehen in der Sprache einander. Den Schweden scheint der dänische Dialekt affenhaft und komisch, die Norweger stottern rauher, finden schwedisch aber keineswegs elegant. Schließlich ist es bei Deutschen der ähnliche Fall. Ein Helgoländer hält einen bayrischen Gebirgler für einen fremden Teufel, genau so wenig wie ein Pikarde einen lackäugigen Provenzalen versteht. Die Rassenmerkmale sind keineswegs das, was eine Nation im geographischen Sinn zusammenhängt, das sind andere und viel fürchterlichere Dinge.

Jedenfalls unterscheiden sich die drei skandinavischen Völker eigentlich nur in Nüancen. Kopenhagen ist eine neblige, reiche und märchenhaft weiche schöne Stadt. Stockholm ist mit königlicher Kühnheit an den Mälar gestellt. Christiania wird schon von nördlicher Beschattung gespenstisch gezeichnet.

Die Norweger laufen Ski, sind fast an den Fingern herzuzählen, ein paar hunderttausend, bewohnen dünn gesät ein riesiges Land, und fast jeder ist, ähnlich wie bei den Balten, ein Schriftsteller, jeder Bauer kennt seine zeitgenössischen Dichter genau.

Die Dänen lesen am meisten, sind ein ungemein gewandtes weltmännisches und lebemänniges Volk, die elegantesten Typen des Nordens, ein wenig Paris und ein wenig Décadence, von ungewöhnlich graziöser Verdorbenheit.

Die Schweden sitzen gerne an den Kaminen und lassen schöne Frauen die Lieder des großen Sängers Belman singen.

Bei den dänischen Weltleuten findet sich dagegen die Literatur mit den buntesten und wechselnsten Farben aufgestellt. Der Zug der dänischen Dichter ist lang, und am Anfang stehen die Policinells und die Harlekine, und dann erst kommen die befrackten Liebhaber des irdischen Schicksals und die neckigen Touristen der Ehetragödien und hinter ihnen die exotischen Wanderer mit Südseefedern und afrikanischen Sonnenfanalen und dann die Gelehrten und feinfingrigen Weisen und ganz am Ende erst einige Ankläger gegen die Zeit und wilde Eroberergestalten des Lebens und der geistigen Territorien.