Der europäische Gascogner hatte sich die Sache leicht gemacht, wußte prêcher pour sa paroisse und sagte umgekehrt wie die Englischen gern Baumwolle, wenn er Jesus meinte, was Heine nicht in seiner Begeisterung störte, als in der Hauptrolle Frédérik Lemaître dem romanischen Sketsch am einunddreißigsten August Achtzehnhundertsechsunddreißig im Théâtre des Variétés vor den Untertanen einer demokratisierenden Bourgeoisie und vor verprügelten Aristokraten die Weltrichtung gab ... und Dumas damit aus dem Gekrisch literarischer Diebstähle herausriß, in das ihn Gardisten seines lächelnden Freundes Victor Hugo gewickelt hatten. Damals wars rassiger Bluff. Heut ist die Innerlichkeitssubstanz Geschwätz und Geplausch. Zwischen die (wundervollen) Trüks muß nun Seele hineinschmettern. Es müssen Menschen dahin, wo er Dramatisches suchte und Effekte fand, es darf Wahrheit dort sein, wo er gaunerte und Glissandos machte. Wo er gallisch krähte, muß Schicksal hinein.
Denn schließlich handelt es sich darum, daß dieses funny animal, dieser tolle Bursche, Kean, nicht aus Unordnung schlampig, sondern aus elementaren Leidenschaften ungesammelt ist. Daß es nicht auf das Kostüm ankommt, sondern auf dies Exemplar von Menschen, nicht auf die Verwirrungen, sondern auf die Dämonie. Daß es von Bedeutung ist, daß die Backfische und Mondänen und Kokotten des französischen Theaters nicht aus Bleichsucht gütig und aus Hurerei lasziv und aus Neugier abenteuerlich sind, sondern daß sie aus Güte konsequent und aus Lebenskenntnis tragisch und aus Enttäuschungen überlegen scheinen. Und daß schließlich nicht bei sentimentalen Saucen verblieben, sondern wahrhaftig zu festeren Ergebnissen fortgeschritten werden muß. Alles andere ist Unsinn. Das ist der Weg der Operation.
Der Weg, der keinen anderen Ehrgeiz der Exkursion kannte als den handwerklichen zum sachlichen Theater in einer theaterlosen Zeit, schob in alle Kurven eine amüsante Grenze. Man erblickte stets die Neigung, den alten Faiseur des Genialischen mit einer schonen Brüskheit aus dem Wagen zu schmeißen, aber man behielt ihn mit Respekt und lächelnd bei. Die Fahrt erhielt eine seltsame Mischung von Gefahr und Grazie, von Respekt und Tragödie, von Fatum und Causerie.
Man spiele daher in den Untergründen, ohne die Eleganz zu verletzen. Man spiele ganz modern, aber zeitlos. Man boxe und morde exakt, mit Kenntnis, aber nicht ohne Verständnis für die Not der Herzen. Man spiele schließlich mit voller Aktualität, aber durch Stilisiertes ins Breitere der Gefühlsvorgänge gedämpft. Momentan, aber nicht salonhaft. Tragisch, aber mit Verschweben. Scharf, rasch, nicht ohne viel Graziles und mit bedeutender Phantasie.
Kreuzeckhaus, Februar 1921.
KASIMIR EDSCHMID
Manuldruck der
Spamerschen Buchdruckerei
Leipzig
Von
KASIMIR EDSCHMID
erschienen:
BEI ERICH REISS
ÜBER DEN EXPRESSIONISMUS IN DER LITERATUR UND DIE NEUE DICHTUNG