Fern sah er sie noch einmal durch den Hof gehn. Sie wandte am Tor das Gesicht und wies leicht, ohne den Arm zu rühren, mit dem Finger nach oben.

Er wußte, daß er sie nie mehr sehen werde. Es war das Letzte.

Die Tauben allein flogen noch, bis ihr, als sie betete, ein schwerer Stein aus dem Gebälk im späten Sommer den Nacken zerschlug. Zehn Nonnen, steif in weißen Leinen, trugen ihren Sarg in die große Kirche des Männerklosters. Als die Prozession vorbeiging, losch der Himmel aus. Dunkelheit schoß an den Rändern des Horizonts herunter, band sich zäh an die Erde und trieb Nacht und Wolke vor sich, die brüllend heranwälzten.

Dann schloß die Kirchentür. Villon erhob an seinem Fenster den Kopf und sah die Sonne in einem Strahlenkranz, dessen Zacken alles berührten. Es wurde Abend!

Er ging hinein ins Land. Je tiefer er aber vorausschritt, um so leichter trugen ihn die Füße, und die Stoppelfelder legten sich wie Seidenwalzen vor ihn. Wälder wogten unten über dem Fluß in das Dunkel der blauen Dämmerung. Er dachte an Joi-Novel, denn ungezählte Mäuse überkrochen die Erde.

Aus einer Hütte, um die Bohnen hoch schossen, trat ein Mädchen mit einer Hacke. Sein Blick fiel auf ihre Hüfte, die sich leicht wölbte. Der Bückenden bogen die Brüste sich aus dem Tuch und die Beine standen rund und straff vom Rock gehalten. Er sah in die Dämmerung weg, die den Wald schon einsog und rotbraun wurde, dann fiel sein Blick zurück. Wieder wandte er den Kopf. Aber in der Sanftheit eines ungewohnten Jahres war sein Blut angeschwollen und warf sich bäumend auf.

Doch er zwang sich und bebend sprach er sich vor: „Der Tod der Herzogin . . . der Tod der Herzogin . . .“ Allein die Worte waren ohne Klang. Sein Schmerz war vor ihm selbst zugezogen und sprang durch Reizung selbst nicht auf. Er preßte noch einmal sein ganzes Bewußtsein wie einen Stempel auf, daran zu denken, daß sie in der Kirche liege, die Prozession, der Weihrauch, der schreiende Tod.

Aber es war nicht stark genug.

Seine Hände ergriffen das Mädchen, und sein Blut sprang an das ihre wie an das keiner Frau.

In der Nacht kehrte er zurück, die Sterne anflehend, ihn zu erschlagen. Er ging in den Zwinger und löste die Hunde, die auf Wölfe geschult waren. Sie rissen die blutigen Lefzen auf. Aber keiner sprang zu, so sehr er die Gurgel wies.