Da schien es ihm, sein Herz selbst müsse springen und aufplatzen vor Traurigkeit und Verzweiflung. Er nahm ein härenes Hemd, band einen Strick um das Genick und legte sich auf den mit Asche bestreuten Boden und wartete so auf den Tod.
Um die dritte Nachtstunde, da er noch lebte, erhob er sich, mehr verzweifelt, und schlich an die Kirche. Dort horchte er. Dann ließ er die Befangenheit und stieß, sich aufrichtend, die dumpfe Tür mit dem Fuß auf und trat ein. Der offene Sarg stand zwischen wächsernen Kerzen. Ein fremder Mönch hielt die Vigilie. Er sah auf und wies ihn mit der Hand streng hinaus.
Villon hielt ihm das Messer vor den Bauch.
Da zerfloß das hagere Gesicht des Mönchs in Mitleid: „Du mußt elend sein,“ sagte er.
Aber Villon, außer sich, achtete nicht auf ihn, sondern warf sich aufheulend wie ein Hund quer über das Fußende des Sarges und blieb so.
Jede Viertelstunde sang der Mönch einen Psalm und scheuchte ihn nicht. Plötzlich sah Villon auf und, vom Anblick der Toten geschüttelt, schrie er: „Schreier, mach das Maul zu! Schweig. Gib mir eine Antwort: kann es sein, diese Frau zu lieben und am Abend ihres Todes eine Dirne zu umarmen? Kann es sein?“ Er drohte mit der Stimme und stieß mit den Fußspitzen haltlos auf den Boden.
„Du hast die Inbrunst,“ sagte der Mönch.
„Sie hilft nicht durch,“ schrie Villon im letzten Zorn sich entgegenstemmend: „Ich habe die tripolitanische Heilige verehrt und nannte sie mit gleichem stinkendem Atem Hure. Die Güte der Herzogin schien mich an, aber ich stahl und tötete.“
„Ereifere dich nicht. Ich kenne dein Leben,“ sagte der Mönch.
Er war die Pfeiler hinabgeschritten, Lichter löschend, und wie er sich unten umwandte, schien seine Gestalt mit dem Plafond verschwommen, seine Kutte schwebte in einer dunkelen Glocke um ihn und verwuchs den steinernen Rippen der Kirche, und vor den Augenhöhlen seines riesigen Kopfes wogten die Schatten des Weihrauchs. Wie er jedoch, im Chor stehend, nun die Stimme erhob, war seine Gestalt wieder klein und gewöhnlich, doch die Rede, die er begann, wurde vor seinem Munde so furchtbar, daß in der ertosenden Kirche sich die Echos blendend zerschlugen.