Nie auch im Geiste.
Uns fehlte nur Zeit.
Nichts verbindet außer der Tragik solch Abgesprengter und Suchender den letzten geistigen Ausdruck der deutschen Dichtung, nichts bindet als sie Bettina an unsere Zeit.
Der Weg der Dichtung unserer Tage führt aus der Hülle zur Seele, aus dem Rang zum Menschen, vom Schildern zum Geist. Die Kunst wird positiv, sie zerfetzt den Menschen nicht mehr, sie gibt den Kosmos in seine Lunge.
Befreite aus dem Ballon von Glas, der ihr Leben umfaßte, sehen die Menschen endlich die Welt, in der Gefühle steigen, fallen, sich regulieren, die Senkrechten ohne Ende sind, der Horizont ohne Maß. Vor in den Hintergrund getretener, vor bürgerlicher, kapitalistischer Welt, solchem Ziel, solchen Künsten zugewandter Stirn, steht die dichterische deutsche Jugend, große Gedanken der Menschheit wieder denkend, stärker noch entflammt als die Fechter der Romantik, die verschwommen noch nach dem Geiste suchten.
Ihre Zeit gehäuft von Leid, ihr Schicksal prometheisch angeschmiedet ans Kreuz solchen Daseins, ihre Seele zum Grauen ergriffen vor dieser Opferung . . . wann in Jahrhunderten erlitt Jugend so Hartes?
Aus Katastrophen und Zusammenbrüchen als einziger Halt eine Jugend, streng die Forderungen der Menschlichkeit aufgepflanzt, unerbittlich die Hand auf den Zielen, Schicksal dieses Krieges hinnehmend als Schickung wie anderes Leid, aber hingerissen dadurch, den Glauben noch höher fliegen. Wollen härter schweißen zu lassen, im Mord die eherne Stimme der Gerechtigkeit erbrausen zu sehen, im Wahnsinn der Ereignisse das entflammte Herz sicher in steter Berufung zu tragen . . . wann geschah solches?
War vor diesen Katastrophen diese Jugend gehöhnt, gescholten, nur die Seltenen berührend, nun wuchs sie zum Ausgleich. Spielen die Schaubühnen nicht Stücke, die unzumutbar bürgerlichem Publikum früher erschienen? War Dichtung nicht Privileg weniger Köpfe in Deutschland . . . lesen nicht Jünglinge, Männer Bücher ihrer Dichter, wie nie früher Dichtung gelesen ward? Sagen Schauspieler nicht Verse auf Podiums und Kathedern? Erklärt solches Geheimnis fabulöser Wirkung nicht sich allein durch seine Einzigartigkeit selbst?
Ewiges Wechselspiel der erlesenen Kräfte.
Durstet die Zeit nicht nach der Kunst, die aus dem Geist kommt und nicht aus dem Stückwerk der Menschen? Braucht die harte Epoche nicht den Halt, der nicht in der fließenden Zeit steht, sondern aufgepflanzt im Innern der Menschen? Ist etwas mehr not als Trost gleichzeitig mit Erhebung? Ist ein Zweifel, daß Kunst in den Zielen enorm sein muß, die von Zeitgenossen, die leiden Stunde und Tag um Tag, begehrt wird mit solcher Inbrunst? Daß eine Kunst tief nach Wahrheit gehen muß, die selbst über Mode und den Snob hoch hinaus gesucht wird, obwohl sie schwer ist, schwerer als jede Kunst, die Deutschen seither ward in der Dichtung? Ist es eine Frage, daß nur groß gespannte Kunst dies Menschen reichen kann, deren Sehnsucht so nach Tiefstem geht? Ist es eine Frage, die fast nicht zu stellen mehr, kaum der Antwort bedürftig ist, daß diese Kunst nichts in ihren Achsen bewegt als jene Kraft aller Größe: Idee der Menschheit?