»Hast du denn gar kein Geld?« fragte Onkel John, bis zu Tränen gerührt.

Der Neffe kehrte hurtig die leeren Hosentaschen heraus. »Und sie lassen mich nächstens verhungern,« brummte er, dem Himmel ein Paar feuchte Pudelaugen zeigend.

Onkel Johns Phantasie schwoll mächtig an. Die Eindrücke arbeiteten so gewaltig in ihm, daß er einen Augenblick ganz sprachlos blieb. Und wenn er auch genau wußte, daß sein Neffe ihn aufs albernste belog, gelang es ihm, bei seiner Einbildungskraft, doch ganz vortrefflich, sich die Unwahrheit als Wahrheit vorzustellen. Sein fuchsgelber Schnurrbart zitterte, denn er befand sich in angenehmster Aufregung, und seine grellblauen Lügneraugen glitzerten wie Katzenaugen im Dunkeln. »Zunächst,« sagte er, hoheitsvoll das Portemonnaie ziehend, »zunächst sind hier fünf Mark, damit du nicht ganz ohne Pfennig herumläufst – mein armer Junge.«

John nahm dankend die gereichten zwei Mark. Er wußte, daß es immer nur zwei Mark waren, wenn Onkel John fünf Mark sagte.

»Und nun gehe ich zu deinen Eltern,« fuhr dieser fort, »um für dich das Notwendigste anzuordnen. Schlimmstenfalls« – er rollte die Augen – »wird die Polizei meinen Worten Nachdruck verleihen. – Holla!« rief er dem Faktor entgegen, der der Kiste wegen gelaufen kam, »tragen Sie das da! Ich übernehme die Verantwortung, verstanden?«

John lehnte es ab, den Onkel zu begleiten, weil er ein unreines Gewissen hatte. Der Onkel ging auch lieber allein, um je nach Empfang mit seinen Märchen herauszurücken. Es war ein hellgrauer Sonntagvormittag, und die Grätengasse lag still und leer und sauber da. Onkel John eilte wie mit Flügeln am Mantel davon, während sein Neffe auf der Steinbank sitzen blieb, die Daumen umeinander drehte und sich seine Mischung wünschte.

»Guten Tag, meine Lieben,« sagte der alte Fuchs mit wärmster Innigkeit, als er bei Zarnoskys ins Eßzimmer trat. Paul und Leo reichten ihm die Hand, seine Schwägerin unterließ es, Eugen und Herr Zarnosky brummten etwas, Onkel Chlodwig war nicht da.

»John sitzt am Traumannschen Speicher und weint,« hub der gute Onkel an. »Die Kiste war doch wirklich zu schwer für ihn.«

»Wer hat ihm befohlen, mit der Kiste zu gehen?!« sagte ärgerlich der Vater.

»Das wollen wir nicht untersuchen,« versetzte Onkel John sanft und schlicht. »Apropos (»Jetzt geht's Schwindeln los,« flüsterte Paul hinter Eugens Rücken) was ich sagen wollte« – er hob die eine Fußspitze ein wenig in die Höhe und besah sich versunken den Stiefel – »ja, richtig; es gehen über dich merkwürdige Gerüchte in der Stadt herum, ganz merkwürdige Gerüchte, mein lieber Richard.«