Pfarrer sah ihn ehrfurchtsvoll an. »Ja? Ja?« Und dann ließ er nachdenklich den Kopf hängen, hüllte sich in Rauchwolken und schwieg.
Nachdem er geraume Zeit still vor sich hingebrütet hatte, bat er John verlegen und zaghaft, ihn doch in diese Anstalt mitzunehmen.
»Wieso?« fragte John.
Der Schwachsinnige errötete wie ein junges Mädchen und wollte nicht mit dem Grunde herausrücken. Endlich kam es halb gestammelt, halb geflüstert: Er möchte auch gern gesund werden: klug werden. »Nich mehr Idiot, nich mehr Idiot!« rief er klagend. Darauf senkte er das erblaßte Gesicht wie jemand, der die Wirkung seiner Worte nicht abzuwarten wagt.
»Das geht nicht,« sagte John kurz. »Oder – du müßtest sterben. Die Toten sind alle klug.«
»Sterben?« stotterte Johannes erschreckt und enttäuscht. »Neinein! Lieber nich, lieber nich! Noch e bißche warten, noch e bißche warten!«
John lachte kurz auf. Und seine Lippen brannten rot in der sinkenden Sonne. Er legte den Kopf auf eine Seite und begann leise zu pfeifen. Es klang, als ob ein Vogel lockte. Es klang nach Frühlingslust und Lebensgier. Es war ein Lied von der einzigen Wonne – zu leben.
Viertes Kapitel
Die beiden Ausreißer sahen sich an und lachten. Es war nicht leicht gewesen, die Reise zu unternehmen, da sie im geheimen vor sich gehen mußte; denn man hätte John, krank wie er war, nie gestattet, mit Johannes einen Ausflug zu unternehmen. Nun freuten sich beide, daß alles so wohl gelungen, und daß sie nun da waren, wo sie hingewollt. Obgleich die Fahrt nur eine Stunde gedauert hatte, fühlte sich John doch sehr angegriffen, als er mit seinem Gefährten aus dem Zug stieg. Hinter dem ersten Zaun mußte ihm Johannes die große Flasche Kognak reichen, die sie mitgenommen hatten, und nun goß er Kognak wie Wasser in sich hinein. Darauf lachte er wieder über das ganze Gesicht, und Johannes wieherte aus vollem Halse, weil er das für schicklich hielt, wenn sein Ideal fröhlich war. John faßte ihn unter und schritt würdevoll mit ihm weiter. Sie waren ein seltsames, auffallendes Paar. Der Trinker hatte sich in der Eile mit einem alten hellgelben Winterüberzieher bekleidet, der übermäßig kurz war und stark nach Naphthalin roch. Sein dicker Schädel schien die Kopfbedeckung sprengen zu wollen. Das kleine, steife, schwarze Hütchen saß da, als müsse es jeden Augenblick herunterhüpfen oder bersten. Pfarrers lange, hagere Figur zierte ein großkarierter alter Reisemantel von Onkel John. Auf dem Kopf trug er die unvermeidliche Sportmütze, da er keinen Hut besaß. Halb Engländer, halb Christus schleppte er eine umfangreiche Reisetasche, die die Kognakflasche und eine Menge Mundvorrat enthielt – für den Amalie im geheimen gesorgt hatte.