Der Apriltag war so warm und golden wie ein Maientag. Es schien nicht Ostern, es schien Pfingsten zu sein; die Natur war so weit, wie sonst nur im Mai. Die Obstbäume blühten schon hier und dort, und die Butterblumen glänzten überall wie kleine Sonnen im Gras. Das junge Birkenlaub glich flachen, goldgrünen Blüten, die ein leise wehender Wind in fortwährendem Zittern erhielt. Das sah nun aus, als hingen zahllose, lautlos schwingende Glöckchen an den Birkenzweigen. John und Johannes schritten durch eine Allee solcher Glöckchenbäume. Niemand begegnete ihnen. Hier und dort blickten bunte Strandvillen über nahe und ferne grüne Hecken. Johannes hatte in seiner Brusttasche ein Paar weiße Glacéhandschuhe, die er für sein Leben gern aufgezogen hätte; aber John erlaubte es ihm nicht. Die beiden schwachsinnigen Brüder schwärmten einträchtig für weiße Glacéhandschuhe – und Bratäpfel, besonders aber für weiße Glacéhandschuhe. Die ihnen jetzt niemand mehr schenken wollte. Als der Vater noch lebte, hatten sie solche Handschuhe zu Dutzenden bekommen; aber jetzt – –! Immer wieder mußten sie alte Paare mit Benzin reinigen, wenn sie das sehnsüchtige Verlangen hatten, sich irgendwo mit weißen Glacéhandschuhen zu zeigen.
Die Allee endete auf der Düne, von der eine uralte Treppe aus breiten Steinen und mit wackligem Holzgeländer durch eine lange, winklige, baumreiche Schlucht zum Strand hinabführte.
»Steigen wir 'runter?« fragte John.
»Jefährlich, jefährlich,« meinte Johannes.
Sie standen Arm in Arm und blickten mit Scheu und Bewunderung über die halbdunkle Schlucht hinweg auf die weite, weite, blaue See.
»Große bunte Käfer, schöne bunte Käfer,« sagte Johannes, mit vergnügtem Lachen auf die Osterausflügler zeigend, die bienenemsig am Ausgang der Schlucht auf der Mole herumkrabbelten.
»Erst essen wir etwas und dann steigen wir auch herunter,« sagte John und setzte sich auf die nächste Bank.
Pfarrer folgte ihm mit verklärter Miene. »Essen« war und blieb doch das Schönste für ihn. Seine langen, hageren Hände sofort in die Tasche grabend, brachte er Päckchen auf Päckchen zum Vorschein. Der Trinker griff zuerst nach der Kognakflasche und tat aufs neue einen langen, tiefen Zug. Johannes entkapselte für sich einen Zitronensprudel, zu dem er eine Serie harter Eier genoß. John hatte wenig Appetit, da das Mittagessen noch nicht weit zurücklag. Bei Johannes machte das nichts aus; der konnte schon wieder wie ein Drescher einpacken. Er stieß ein unwilliges Knurren aus, als John »genug!« ausrief. Was war ihm Schlucht, was war ihm See, wenn neben ihm eine Tasche mit den schönsten Eßwaren stand.
Arm in Arm, langsam und ängstlich wie der Lahme mit dem Blinden, begann das Paar den Abstieg. Auf der halben Treppe mußten sie schon rasten, weil John die Luft ausging. Mit bläulichem Gesicht sank er auf die Stufen nieder, und Johannes mußte ihm wieder die Kognakflasche reichen. »Da haben wir den Salat,« sagte John, melancholisch ins Grüne spuckend. Der Schwachsinnige nahm ein paar Stufen tiefer Platz und zog sich heimlich einen weißen Handschuh auf. Jeden Augenblick konnten Leute die Treppe herauf- oder herunterkommen, Leute mit neugierigen Augen – ohne weiße Glacéhandschuhe. Pfarrer wollte ein bißchen »feiner Mann« spielen. Es dauerte auch nicht lange, so kamen zwei junge Mädchen die Treppe heruntergekichert. Helle Kleider, flatterndes Haar. »Scheene Kinder,« schmunzelte Pfarrer, die weiße Hand wie einen Fächer bewegend. John fuhr fort, ins Grüne zu starren. Was gingen ihn diese Mädchen an?! Ja, wenn Peter gekommen wäre – –! Es tat ihm sehr leid, daß »der Junge« zu Hause sein mußte. Die Mädchen girrten wie Tauben, als sie an dem seltsamen Paar vorübersprangen. Gleich danach platzten sie los. Ihr Lachen rieselte die Schlucht herauf und herunter, und das Echo gab es verhaltener wieder.
Und die Vögel sangen, und die Wellen riefen, und es duftete das Laub. Es war ein Frühlingstag, wie es nicht viele gibt; die Welt war so schön wie ein Traum. Selbst Johannes empfand das. Unwillkürlich nahm er die Mütze ab und saß barhäuptig da, als sei er der Natur diese Ehrfurcht schuldig.