So ging's bis zur nächsten Ecke der Dünenwand, hinter der zu Pfarrers Freude die Bodenerhebung sich senkte. Man hatte die Düne auf dieser Stelle bis zu einer sanft ansteigenden schiefen Ebene erniedrigt, eine Ebene, die die Fischerkinder dazu benutzten, um darauf in Purzelbäumen zur See herunterzuschnellen.
Drei Jungen waren eben dabei, auf diese Art den Abstieg zu machen, als John und Johannes, fremdartig wie die Weisen aus dem Morgenlande, auf der Bildfläche erschienen. »Ziert euch nicht!« rief der Trinker. »Immer runter was die Büxen halten!«
Sechs braune Beine schnellten hurtig durch die Luft, und bald standen drei sommersprossige, weißblonde Bengels in blauen Hosen auf dem Strande. »Jungens, habt ihr nicht einen Handwagen?« fragte John leutselig.
Es kam heraus, daß die Eltern von Tiburzigs Franz einen hatten, einen ganz neuen, auf dem ein Mensch bequem sitzen konnte. Tiburzigs Franz versprach, ihn zu holen, und für fünfzig Pfennige wollten die Jungen das Paar in die Höhe fahren.
Johannes zog es vor, zu Fuß zu gehen, und nur John stieg in die Kutsche, stolz und gelassen wie ein Triumphator. Ein Dutzend schmutziger Fischerkinder schrien hopsend »huhraaah«, als die Fahrt losging. John lächelte huldvoll nach allen Seiten, und manchmal sah er nach der Regenbogenbrücke auf, und manchmal sah er nach dem Meer zurück. Die Wogen schwankten bacchantisch ihren Weg; sie schwankten, hoch und voll, schwarzgrün und gläsern, mit weißem Schaum und roten Flecken unter dem breiten Lächeln der sinkenden Sonne dem stillen Strand entgegen.
Und das Grün der Gärten schimmerte wie Smaragd nach dem Osterregen, und der Flieder duftete schon vor dem Blühen. Es war ein Frühlingsabend, wie es nicht viele gibt; die Welt war so schön wie ein Traum.
Fünftes Kapitel
Peter war verschwunden. Am zweiten Osterfeiertag, als John und Johannes an der See waren. Das war ein Herzeleid für John. Er schickte immer wieder Leute auf die Suche nach ihm aus, er annoncierte seinen Verlust immer wieder in den Zeitungen; es nützte alles nichts: Peter blieb verschwunden. Und die Frühlingstage kamen und gingen, und John dachte nicht mehr daran, in die Anstalt zu gehen; er dachte nur an seinen verlorenen Liebling. Er betrauerte ihn wie einen Sohn, er fand nicht Ruh bei Tag und Nacht, wenn er sich das Tier in schlechten Händen vorstellte. Seine Liebe zu Peter wuchs ins Grenzenlose, ins Abnorme. Und er trank vom Morgen bis zum Abend, um seinen Kummer zu betäuben.
Doch eines Morgens erwachte er mit heiterer Miene. Sein Gesicht war ganz naß von Tränen; aber seine Augen strahlten. Noch vor dem Aufstehen schickte er nach Johannes, weil er ihm etwas sehr Schönes und Merkwürdiges mitzuteilen habe.
Der Schwachsinnige trat mit weißen Glacéhandschuhen an und war so neugierig wie hungrig. Doch beim Anblick von Johns Frühstück verließ ihn die Neugier und nur der Hunger blieb; er vermochte kein Auge von dem besetzten Tablett zu lassen. John sah ein, daß Johannes nicht imstande sein würde »das Wunderbare« zu würdigen, ehe er nicht gefrühstückt hatte. Rasch auf das Tablett zeigend, hieß er ihn essen, so schnell er konnte.