Der Schwachsinnige griff zu, als habe er schon tagelang fasten müssen. John heftete die verschwimmenden Augen auf die verräucherte Decke und wartete, die wachsgelben Hände wie zu einem Dankgebet auf der Decke gefaltet, bis Johannes mit dem Frühstück fertig war. Dann hub er an:

»Mir träumte, daß wir beide auf den Kirchhof gingen. (Johannes nickte beifällig. Auf den Kirchhof ging er gern. Ohne daß John es merkte, hob er mit angefeuchteten Fingerspitzen Krümel auf, um sie heimlich in den Mund zu stecken.) Ein herrlicher Traum!« flüsterte der Trinker. »Der ganze Kirchhof war bunt von Blumen – und wir suchten Peters Grab. Er sollte dort begraben sein. Und als wir zu dem Winkel kamen, wo jetzt die vielen Vergißmeinnicht blühen, da stand er plötzlich vor uns. Viel größer als früher und so schön, so schön! Sein Fell strahlte wie schwarzes Metall, und seine Augen waren wie kleine blaue Monde, und am Halse trug er eine große Passionsblume. Wir hatten Angst, ihn anzufassen; aber da kam er auch schon auf mich zu und auf einmal – auf einmal sagte er: ›Vater!‹«

Johannes wieherte ganz verdutzt. »Wirklich wahr? Wirklich wahr?« fragte er ungläubig.

»Er sagte Vater – ich höre es noch. Und dann sagte er, es gehe ihm gut; er sei nun tot und habe alle Quälereien hinter sich. Und ich soll mich nicht mehr um ihn grämen.«

Johannes blickte John ratlos an. Verlegen seinen Christusbart streichend, bemühte er sich schweigend mit der Zunge nach einem Krümel in einem hohlen Zahn: er sah recht einfältig dabei aus. »Jehn wir heut spazieren?« fragte er demütig.

»Ja,« sagte John, die Augen wieder nach oben richtend, »wir gehen heute auf den Kirchhof. Nach dem Vergißmeinnichtwinkel. Vielleicht erscheint er uns dann noch einmal – noch einmal ...« Es sprach eine solche Sehnsucht aus diesen beiden Worten, daß selbst Johannes ergriffen war. –

Aber der Winkel blieb leer. Kein Peter kam, so sehr ihn John auch rief. Da ließ er sich auf eine Bank fallen und weinte wie ein Kind. Und es war ein so lieblicher Maiennachmittag. Auferstehung, Auferstehung glänzten Blätter und Blumen, und die Vögel, die über den Kirchhof flogen und auf den Bäumen saßen, erzählten zwitschernd und singend von der Süße des Lebens.

Nicht weit von dem traurigen Paar saß ein kleiner, buckliger Mann. Er saß auf einem Holzgestell vor einem Kreuz, dessen Inschrift er frisch bronzierte. Er pfiff langsam und selbstgefällig ein Kirchenlied, wobei er seinen runden schwarzen Kopf wie eine Kugel zwischen den hohen Schultern hin- und herrollte.

»Hör' schon auf!« brüllte John, als das fromme Lied kein Ende nahm.

»Na nu', Gott geb! Man wird doch wohl noch pfeifen dürfen!« brummte der Bucklige, und dann brummte er noch einiges, was unverständlich blieb, und dann versank er in tückisches Schweigen. Doch von Zeit zu Zeit spie er heftig auf die Erde, wodurch er John seine Verachtung ausdrücken wollte.