Das reizte den Trinker und zog ihn von seinem Kummer ab. Er begann, dem Buckligen Prügel anzubieten, wie er es in früheren Jahren so rasch zu tun pflegte. Er prahlte mit Kräften, die er schon lange verloren. Er stärkte sich mit Kognak und wischte sich ärgerlich die Tränen vom Gesicht.
Warum heulte er denn noch immer? Peter ging es doch gut, und er hatte ihn doch selbst gebeten, sich nicht länger um ihn zu grämen. Es war allerdings entsetzlich schwer, das Tier zu entbehren – (große Tränen kamen aufs neue) – aber die Hauptsache war doch, daß es ihm gut ging. Und es ging ihm gut. Peter hatte es ja selbst gesagt.
Nun standen sie auf, um nach Hause zu gehen. Peter konnte wohl doch nicht erscheinen. Als sie an dem Buckligen vorüberkamen, gab John dem Holzgestell, auf dem er saß, einen heimlichen Stoß, und der kleine Mann kollerte zeternd herunter. Das erheiterte John und stimmte ihn versöhnlich. »Wie kam das nur?« fragte er, sich unschuldig stellend. Und dann setzte er sein Imperatorenlächeln auf und sagte mit herablassender Herzlichkeit: »Na lassen Se sich mal ordentlich abstäuben.« Nachdem er es mit aller Sorgfalt getan hatte, verließ er mit Johannes den Kirchhof.
Am alten, grauen, zweistöckigen Offizierkasino blieben sie stehen und lauschten. Innen erklang eine elegische Musik. Im zweiten Stock standen einige Fenster offen, und aus dem einen ergoß sich plötzlich der feuerrote Vorhang wie ein breiter Blutstrom.
»Sieh,« flüsterte John, »eben dacht ich, wie rot Peters Blut wohl gewesen sein mag. Da kam der Vorhang heraus.«
Johannes wollte weitergehen, aber John stand und starrte wie gebannt auf den roten Strom. »Mir ist ganz sonderbar,« sagte er, »mir ist, als gehöre ich gar nicht mehr zu euch, als bin ich schon von einer andern Welt ... Weißt du, Pfarrer, ich seh' und höre nicht mehr wie früher; ich seh' und höre andre Dinge als ihr. Und was ich weiß, das wißt ihr nicht, und ich vermag es euch auch nicht zu sagen.«
»So? So?« stotterte der Schwachsinnige.
Und John fuhr fort, nach oben zu starren, grelles Sonnenlicht auf dem fahlen Gesicht. Aber da wurde der Vorhang hereingezogen, und die Musik verstummte. »Geh'n wir!« sagte er nun in alltäglichem Tone.
Die Straße war breit und alt und auf der einen Seite mit großen Kastanienbäumen besetzt. An einem Gartenzaun hüpfte ein junger Spatz herum, der noch nicht fliegen konnte und jämmerlich piepste. »Hände weg!« herrschte John die beiden Jungen an, die um den Vogel herumsprangen, und er bückte sich und fing ihn ein. »Den zieh ich auf, bis er fliegen kann,« sagte er, voller Freude über die unerwartete Aufgabe.
Frau Kalnis stellte er den Spatz als Peters Brüderchen vor. Doch dann entdeckte er, daß das Brüderchen ein Schwesterchen war. Er gab ihm einen Kuß und taufte es Mimi. Mimi sollte gleich zu essen haben. John wußte, wie man junge Vögel fütterte. Aber er fühlte sich so schwach nach dem Spaziergang, daß er sich hinlegen mußte. Dore fütterte Mimi unter großem Wortschwall mit angefeuchteten Kuchenkrümeln. John meinte, wenn Dore einmal stürbe, würde es wohl notwendig sein, ihr Mundwerk noch extra mit einem Waschholz totzuschlagen, wenn man es still kriegen wollte. Dann lag er ganz apathisch da, den Vogel auf der Hand, schwermütig an Peter denkend.