Mimi senkte den Kopf ins Federmäntelchen und schlief ein. Ihr Figürchen hockte wie ein kleiner grauer Pompon auf Johns Hand. Es dauerte indessen nicht lange, so wurde sie wieder munter und begann, sich mit dem kleinen Schnabel die kleine Brust zu kratzen. »Flöhchen hat du auch?« sagte John entzückt, an Peter denkend. Er wollte ihr beim Kratzen helfen, doch Mimi mochte es nicht; John war ein Herr und sie ein Fräulein.

Gegen Abend zeigte Mimi durch eifriges Schnabelaufsperren an, daß sie schon wieder Hunger habe. Der Trinker erhob sich willfährig wie ein junger Vater, der ein hungriges Baby zu füttern hat. »Kuchen mit Milch tut's nicht allein,« dachte er, »ein bißchen frischer Braten ist ihr notwendiger.« Eifrig machte er sich ans Fliegenfangen, und es gelang ihm auch, ein halbes Dutzend Fliegen zu erwischen. Mimi aß sie alle auf, indem sie nach Johns Dafürhalten vor Vergnügen schmatzte.

Und nun galt es, ihr ein hübsches weiches Nest zu machen. Es sollte ein Nest sein, das dem Spätzlein die Illusion zu geben vermochte, es schliefe unter einem schönen Blätterdach. John formte zuerst das Nest aus einem weichen, grünen Tuch, in einem friedlichen Winkel seines Zimmers, und dann umzingelte er Dores Fächerpalme mit der Schere, um das Blätterdach zu ergattern. Die Fächerpalme war Dores elegantestes Möbelstück, sie liebte und pflegte sie wie ein Kind; niemand durfte sie berühren. Dessenungeachtet gelang es John, ihr ein herrliches Blatt abzuknipsen, das er dann gleich einem Schirm über Mimis Ruhestätte befestigte. Dore raste, als sie die Tat entdeckte, Dore ärgerte sich die halbe Nacht darüber. Aber Mimi schlief gut unter ihrem grünen Thronhimmel.

Auch John schlief gut in dieser Nacht. Er träumte nicht wie gewöhnlich, daß ihm der Tod in der Ferne eine traurige und eintönige Musik vorspiele, oder daß ihn dunkle Männer schon hinaustragen wollten; er träumte von Mimi, von Fliegenbraten und Vergißmeinnicht. Doch einmal träumte er auch, daß Mimi in einem Winkel totgetreten läge. Da fuhr er auf – und freute sich, erwachend, daß es nur Trug gewesen.

Als Dore früh am Morgen ihre Tür öffnete, sah sie John im Hemd auf der Diele liegen und den Vogel füttern. »Sie hatte schon Hunger,« flüsterte er, seinen Spatz mit zärtlichen Blicken betrachtend.

»Sie werden sich aber erkälten,« wandte Dore ein.

»Was tut's,« murmelte er, ganz hingerissen von der Lieblichkeit des kleinen Vogels.

Mimi begann, auf der Diele herumzuhüpfen und zierliche Flugversuche zu unternehmen. John stieg wieder ins Bett und sah ihr herzinnig zu. Sie hüpfte herum, sie flatterte ein bißchen, und manchmal stieß sie niedliche Tönchen aus. »Hörten Sie, Frau Kalnis?« fragte John jedesmal entzückt, wenn Mimi einen kleinen Zwitscher tat.

Draußen musizierten die Vögel auf dem Birnbaum, was sie konnten, jeder auf seine Art. Mimi übte sich im Fliegen und ließ, antwortend, ihr feines Stimmchen ertönen. Dore ging geschäftig hin und her, ihr Zimmer reinmachend. John schloß die Augen, um besser lauschen zu können, und schlummerte dabei gegen seinen Willen ein. Als er sie wieder öffnete, war alles still im Zimmer; von Mimi nichts zu hören, nichts zu sehen. »Frau Kalnis,« rief er ängstlich, »seh'n Sie doch mal nach, wo der Vogel ist! Ich war eingeschlafen.«

Dore erschrak, denn sie hatte den Vogel über ihrer Arbeit ganz vergessen. Als sie suchend umherblickte, sah sie ihn still und steif auf ihrer Schwelle liegen. »Herrgott, den werd' ich wohl betreten haben!« rief sie bestürzt.