Sechstes Kapitel

Heute war Onkel Johns Geburtstag, und darum hatte er seine Sportmütze mit einer kurzen Pfauenfeder geschmückt. Die Mütze auf einem Ohr, ging er mit strahlender Miene in seinen großen Blumengarten, hinter dem Hause. Neben ihm trippelte ein Tier, das weder ein Hund noch eine Katze war, sondern ein gewaltiger, goldroter Hahn, den Onkel John »Kakao« nannte, weil der Hahn dieses Wort so schön sagen konnte. Heute hingen tonnengroße Lampions an den Akazien und Fliederbäumen des Gartens, und die Wege waren frisch mit Kies bestreut. In dem kleinen, künstlichen Teich, den ein Kranz von großen rosa Muscheln umschloß, schwammen ganz wunderliche, dunkle Fische herum, die sich Onkel John für schweres Geld selbst zum Geburtstag geschenkt hatte. Und ihre großen, hervortretenden Augen beglückten ihn. Er hob Kakao in die Höhe, damit er sie auch bewundern konnte. Aber Kakao interessierte sich nur für sein Spiegelbild, mit gesträubten Federn darauf losstrebend. »Dummer Junge,« sagte der Onkel, ihn mit einem zärtlichen Klaps zur Erde setzend. Die beiden Johns, der ältere wie der junge, hatten nebst andern Eigentümlichkeiten auch die gemeinsam, daß sie den Tieren freundlicher gesinnt waren als den Menschen, daß sie die Tiere liebten, wie die Bibel befiehlt, den Nächsten zu lieben, und daß sie die Menschen gern wie Tiere behandelten.

Hinter dem Blumengarten lag der Obst- und Nußgarten, in dem dumpf und emsig ein Bienenvolk brauste. Manchmal kam von dort ein Bienchen zu Onkel John geflogen und kroch zutraulich auf ihm herum. Die Bienen taten ihm nichts; sie kannten ihn. Gleich einem glücklichen König stolzierte er in seiner Blumenwildnis herum. Die Moosrosen, seine Lieblinge, hatten Knospen getrieben, die Asphodelos, die goldnen, grüßten ihn mit ihren schönen Häuptern, wohin er seine Blicke auch wandte. Es war ein Blühen überall, umflattert von bunten Schmetterlingen. Onkel John liebte seinen Garten wie eine schöne Frau. Seine Gattin war ihm nie, was ihm sein Garten im Frühling war.

»Willkommen, mein Prinz!« rief er heiter, als sein Lieblingsneffe dahergestolpert kam.

John torkelte ihm gerührt in die Arme und küßte ihn, gratulierend, auf den fuchsgelben Schnurrbart. Dann ging er gleich zu den wunderlichen Fischen, die ziemlich matt in ihrem hellen Wasser standen.

»Rat' mal, was sie gekostet haben!« sagte der Onkel und blies die Backen auf.

Der Neffe meinte: »Hundert Mark.«

»Was, hundert Mark?« Der Onkel rollte die grellblauen Augen. »Sag dreihundert und du hast es getroffen.«

Hundertfünfzig also, dachte John, aber er sprach es nicht aus. Nun seinerseits die Augen rollend, flüsterte er: »Dreihundert? Donnerwetter noch mal!«

Das gefiel dem Onkel, das schmeichelte seinem Protzentum. Er zog das Portemonnaie aus der Tasche und schenkte dem Neffen wie einem Bedienten zehn Mark, damit er den Tag auf seine Art feiern könne. John kicherte und bedankte sich. Für die zehn Mark wollte er zwei Flaschen Kognak kaufen: zwei Flaschen Lethe gegen seinen Kummer – und seine Schmerzen. Von denen er niemals sprach, über die er niemals klagte: er trug sein selbstverschuldetes Leiden mit stolzem Schweigen; kein Mensch, außer dem Arzt, ahnte, wie groß die Qualen waren, die ihm sein zerrütteter Körper bereitete. Der Onkel holte ihm einen Stuhl an den Teich, weil er sah, mit welcher Mühe er sich aufrecht erhielt. Kakao stand gelangweilt umher. »Er sehnt sich nach seinen Damen,« sagte schmunzelnd der alte John. Nach einer Weile zog er mit dem Hahn ab, weil er »dem Tier sein Vergnügen gönnte«, wie er sich ausdrückte.