Das Väterchen auf dem Sofa schien vor Zorn bersten zu wollen. Plötzlich zerrte es die Uhr aus der Westentasche und warf sie nebst der schweren Kette nach Dores dünnbehaartem Kopf. Aber die Wärterin machte nur einen ironischen Knicks und fing das Ganze mit den Händen auf. »Was nun?« fragte sie, ärgerlich lachend. Und dann in eine andre, gemütliche Tonart übergehend: »Was wollen Herr Johnche zu Abendbrot essen?«

Herr Johnche war besänftigt. Er faltete die Hände, ließ die Daumen umeinander schwirren und sah nachdenklich zu der verräucherten Decke auf. »Heringssalat,« entschied er hoheitsvoll.

»Scheen,« nickte Dore mit einem giftigen Blick nach dem Ziegenbock. Darauf schritt sie hurtig zum Fenster, öffnete es und rief: »Ama–lie ... Ama–lie« ... Da keine Antwort erfolgte, bewaffnete sie sich mit einem Teppichklopfer und schlug damit feierlich auf das Fensterblech.

Im Vorderhause tat sich jetzt ein Fenster auf, und langsam kam ein kugelrunder dunkler Frauenkopf zum Vorschein. »Wa–as wollen Se, Frau Kalnis?«

Dore bestellte den Heringssalat und außerdem belegtes Brot und Bratkartoffeln.

»Wa–as fir Jetränke?« rief Amalie durch den Frühlingswind.

»Tee,« erwiderte Dore hurtig, obgleich John etwas andres sagte.

»Scheen,« kam die langgezogene Erwiderung, und das Fenster wurde phlegmatisch geschlossen.

»Für den Tee muß ich danken,« brummte John, das Böckchen streichelnd und seine Stiefel an der niedrigen Lehne des Sofas scheuernd. In seinem Zimmer sah es recht wohnlich aus, obgleich es, seiner häufigen Zerstörungswut wegen, nicht allzuviel enthielt. Der große Spiegel mit der Marmorplatte, der zwischen den beiden Fenstern hing, wurde von John nur deshalb respektiert, weil er von den Eltern seiner Mutter stammte. Alles, was von den verstorbenen Großeltern mütterlicherseits stammte, war ihm heilig. Merkwürdigerweise. Er begnügte sich damit, dem Spiegel mit der Faust zu drohen, wenn er betrunken war, und an Großmutters riesengroßem, grünblauem Plüschsofa wischte er sich dann höchstens die Stiefel ab. Dieses altmodische Möbel stand vorn an der rechten Wand, vor sich einen runden Tisch. Vis-à-vis an der linken Wand stand nichts als ein brauner Kleiderschrank. Den Hintergrund füllte ein breites dunkles Bett und eine Waschtoilette, die nur wie ein Kasten aussah. An den Fenstern hingen rot- und weißgestreifte Vorhänge, und über dem Sofa hing eine überaus altmodische farbige Landschaft, die ebenfalls von den respektierten Großeltern stammte. Außerdem gab es nur noch einen Bettvorleger und ein zerrissenes Papiertelephon im Zimmer. Dieses Wohn- und Schlafgemach war mittelgroß und mittelhoch und lag zwischen dem der Wärterin und der Küche, aus der es auf die Treppe ging.

Dore machte sich daran, die Lampe anzuzünden, und deckte dann den Tisch mit einer bunten Baumwolldecke. Als das Abendbrot gebracht wurde, nahm John den Heringssalat an sich und sah Dore spitzbübisch an. »Jesägnete Mahlzeit,« sagte sie fromm, ihm gegenüber Platz nehmend und leckrig nach dem Heringssalat blickend. »Schweig!« entgegnete er gereizt auf ihren freundlichen Wunsch. Sie nahm ihren Tee, ihre Kartoffeln und ein belegtes Brot und ging gekränkt in ihr Zimmer. Dort machte sie Licht und setzte die Brille auf. Um sich zu beruhigen und um den Heringssalat, den sie zu gern aß, würdiger verschmerzen zu können, guckte sie rasch in eins ihrer vielen Erbauungsbücher. Nachdem sie drei liebliche Strophen gelesen hatte, seufzte sie wie eine Märtyrerin und ließ sich ergeben zu ihren Bratkartoffeln nieder.