Dore war wirklich fromm, und wenn sie log, geschah es nur unter geistigem Vorbehalt. In ihren jungen Jahren war sie Wirtschafterin auf großen Gütern gewesen. Tüchtigkeit und Heißblütigkeit waren damals ihre hervortretendsten Eigenschaften. Mit vierzig besaßen ihre listigen kleinen Augen noch die Kraft, einem ältlichen Gutsbesitzer den Kopf zu verdrehen. Er ließ sich von seiner Frau scheiden und heiratete die unschöne brustkranke Wirtschafterin mit den vielen Erbauungsbüchern und der liebevollen Vergangenheit. Aber die Ehe währte kaum ein Jahr, denn die erwachsenen Kinder trieben die ihnen verhaßte Stiefmutter bald aus dem Hause. Dore mußte wieder in Stellung gehen, und das war hart für sie, denn der Husten plagte sie mehr und mehr. Immerhin gelang es ihr, einen leichten Dienst zu finden – bei den reichsten Zarnoskys, als Pflegerin der kränklichen alten Großmutter. Dore verstand es, sich bei Zarnoskys unentbehrlich zu machen, darum behielt man sie auch nach dem Tode der Großmutter im Hause. Und eines Tages wurde dann John ihr Pflegling, der immer ihr heimlicher Liebling gewesen.
Dore fand, daß der Heringssalat doch schwer zu verschmerzen war. Sie guckte schließlich durch die Tür, um zu sehen, wie weit John damit war. »Frau Kalnis,« rief er versöhnlich, »es ist noch eine Menge Heringssalat für Sie.«
Die Wärterin machte ein dummes Gesicht, weil sie nicht wußte, ob sie ihm trauen durfte. Aber ihre Leckrigkeit war groß. »Wollen Se mich auch nich zum Narren machen?« fragte sie zuerst.
John schwur, die Lippen prunzelnd, daß er nicht daran dächte. Dore rückte an, wünschte noch einmal »jesägnete Mahlzeit« und setzte sich dann an den Tisch. Sie trug ein kaffeebraunes, selbstgewebtes altmodisches Kleid mit einem dunkelroten Samtstreifen um den Rock und kleinen Samtklappen an den Ärmeln. Ihren vertrockneten Hals zierte ein selbstgehäkeltes weißes Tüchlein. Über dem flachen Leibe hatte sie eine schwarze Schürze, die den Rock sowohl zieren als schonen sollte. Frau Kalnis glich einer ältlichen, glattgescheitelten Chinesin in europäischer Kleidung. Peter betrachtete sie genau so aufmerksam wie sein Väterchen, aber man konnte seinen einfältigen Augen nicht anmerken, ob er sie hübsch oder häßlich fand.
»Na, hat'r geschmeckt?« fragte John mit unwiderstehlich verschmitzter Miene, als die Wärterin die Schale auskratzte.
»Wird nich schmecken?! Scheenes Essen,« entgegnete sie unter verschämtem Lachen.
Peter bekam das letzte Butterbrot und dann sollte er in den Stall. Frau Kalnis ging hinaus, um Rodenberg zu rufen, der unten im Hause mit seiner gichtkranken Frau und einer überaus frommen Schwester wohnte. Rodenberg brachte Peter in den Stall, wenn er nicht betrunken war. Heute kam die fromme Schwester statt seiner. Jette mußte feierlich versprechen, daß Peter auch wirklich sein Abendbrot erhalten würde, dann erst durfte sie ihn am Halsband nehmen.
John war jedesmal sehr sanftmütig, wenn er sich wieder mit Dore vertragen hatte. Er war dann wie ein Kind, das ungezogen gewesen und nun durch besondere Artigkeit versöhnen will. Er ließ sich wie ein Lamm von ihr zu Bett bringen und suchte sie dabei durch eine gefällige Unterhaltung zu erfreuen. »Wir werden morjen ein reines Hemd anziehen,« sagte die Wärterin, sobald sie ihren Pflegling bis auf dieses letzte Kleidungsstück entblößt hatte. John machte ein liebliches Gesicht, obgleich er nicht gern ein reines Hemd anzog. »Und wir werden wieder mal de Fieße waschen,« setzte sie hitzig hinzu, als ihr Blick auf seine unsauberen Gehwerkzeuge fiel. John lächelte wie ein Engel, obgleich er wasserscheu war.
Er legte sich schwerfällig ins Bett, und Dore deckte ihn sorgfältig zu. »Lesen Sie mir was vor, ich kann jetzt doch noch nicht schlafen,« sagte er nervös, als sie ihn mit warmen Augen betrachtete. Er war immer schlaflos und sehr erregt, wenn er Krämpfe gehabt hatte, und wenn sie stark gewesen, stärker als diesmal, so ging er danach tagelang wie ein Gestörter umher.
Die Wärterin eilte zu ihrem Bücherschatz, um eine passende Lektüre zu suchen – und kam sobald nicht wieder. Der Husten hatte sie gepackt und schüttelte sie, wie eine kräftige Faust einen leichten Gegenstand schüttelt. Nach einigen Minuten war der Anfall vorüber und Dore ganz erschöpft. Sie saß noch eine Weile mit hängendem Kopfe und hängenden Armen auf ihrem Stuhl und starrte stumpfsinnig zu Boden, dann stand sie auf: »Nun komm ich, Herr Johnche. Wenn erst abjehust' is, dann is wieder gut,« sagte sie resigniert.