Der Wald wich zurück, und die Felder begannen. Paul entfaltete das Taschentuch und fächelte sich seufzend und pustend frische Luft zu. John ließ ihn schweigend gewähren; doch seine Augen weiteten sich vor Wut, seine Hände zuckten krampfhaft hin und her, und auf einmal, noch ehe der Vater es hindern konnte, versetzte er seinem Bruder einen heftigen Schlag in den Rücken.

Frau Zarnosky, die mit geschlossenen Augen dagesessen hatte, schrie laut los, als Paul plötzlich auf ihren Schoß kippte. Die Kalnis schlug die Hände zusammen und klagte es stürmisch ihrem »jerechsten Vater«. John verteidigte sich mit heftigen Worten. Der plötzliche Tumult im Wagen war so groß, daß die Rappen ängstlich die Ohren spitzten und dann ein Tempo begannen, dem der erschreckte und angetrunkene Rodenberg nicht gewachsen war.

»Die Pferde gehen durch,« flüsterte Paul, der es zuerst bemerkte.

»Was? Was?« wiederholte entsetzt die Mutter, und nun verfiel sie in ein angstvolles Weinen und Jammern, das die jagenden Pferde noch mehr erschreckte.

Dampfend und zischend brauste von links ein Zug daher. Wie das Unheil selbst, so glitt er in großem Bogen unaufhaltsam der Chaussee entgegen, die er vor dem Dörfchen zu kreuzen hatte. Und die Pferde ließen sich nicht zügeln, obgleich Rodenberg, den das Entsetzen rasch ernüchterte, seine ganze Kraft aufbot; sie jagten jetzt dahin, als wollten sie mit dem Zug um die Wette laufen. Die Mutter hielt Paul mit geschlossenen Augen umschlungen und merkte nicht, daß John angstvoll und zärtlich ihre Hand zu fassen suchte. »Ruhe, nur Ruhe!« sagte Herr Zarnosky, der sich erhoben hatte und nach Hilfe umherspähte. Paul hörte schon in seiner Phantasie das Krachen, das erfolgen mußte, wenn der Zug über Wagen und Pferde ging, und vor diesem Krachen graute ihm fast am meisten. Gleichzeitig dachte er mit der Lebensfülle der Jugend: ich kann nicht sterben – und die andern auch nicht; es wird nichts passieren.

John lehnte sich wieder zurück und schloß mit ergebener Miene die Augen: seine Angst war plötzlich verflogen. Er dachte: nun brauchst du nicht allein durch die dunkle Pforte zu gehen; nun geht ihr alle zusammen. Er sagte sich gar nicht, daß er an dem, was vorging, schuld war. Ihn quälte nur eins: daß er Peter in der Welt zurücklassen mußte.

Seine Todesergebenheit ging in Ekstase über: es dünkte ihn schön, an diesem wundervollen Sommernachmittag mit Vater und Mutter zu sterben. Ja, ihm war, als flögen sie schon alle zusammen durch den Himmelsraum, einem gewaltigen Ereignis – Gott entgegen. Er hörte bereits eine seltsame Musik, die ihn schon aus dem Jenseits dünkte. Wie aus der Ferne vernahm er Dores leises Beten, und er faltete die Hände, um ihr nachzutun, aber er konnte sich auf das, was er sagen wollte, auf das »Vaterunser« gar nicht besinnen.

»Festgemauert in der Erde ...« Nein, das war kein Gebet. Doch da ihm nichts Besseres einfiel, ließ er ruhig noch ein paar Reihen des Gedichtes folgen, weil er plötzlich fühlte, daß es auf die Worte nicht ankam, daß die Empfindung, die zum Beten treibt, das Wichtigste ist.

Nun ging er nicht allein in das große ungewisse Land, nicht ohne Schutz, nicht ohne Verteidiger: Vater und Mutter kamen mit – wie beruhigend das war. Und wie seltsam es war, daß er nun bald wissen würde, was hinter dem Tode kam.

Vor der herabgelassenen Barriere scheuten die Rappen zurück und bäumten wild in die Höhe. »Haltet sie!« schrie Herr Zarnosky ein paar herbeieilenden Männern zu; denn nun wollten die Tiere nach der Seite, um durch den Graben ins Feld zu jagen oder auch auf die Schienen, und der Zug tauchte hinter dem nächsten Gehöft auf. »Haltet sie!« schrie Herr Zarnosky noch einmal, weiß wie der Tod im Gesicht, und alle standen jetzt im Wagen, bereit, im letzten Augenblick herauszuspringen. Aber es gelang den kräftigen Männern, die Pferde zum Stehen zu bringen.