»Ich möchte mit dir tauschen,« flüsterte John, die Augen schließend.
Und er öffnete sie nicht mehr an diesem Abend. Doch im Geiste sah er sein ganzes Leben an sich vorüberziehen: Sommer und Winter, Lenze und Herbste; eine lange Kette von Tagen, die einst gewesen. Dabei wurde er schläfrig und schlief ein. Und seine Träume waren nicht schrecklich, wie in den meisten Nächten; sie hatten etwas Stilles, Wehmütiges und Fernes, und manchmal waren sie auch schön. Einmal ging er im Traum über die Asphodill- und Lilien-Fluren, auf denen weiße Schafe im Sonnenschein grasten und ein Hirte auf einer Schalmei ein weltfremdes Lied ertönen ließ. John hörte ganz deutlich eine wunderbare Melodie, die ihn so packte, daß er erwachte; aber er öffnete nicht die Augen und schlief bald wieder ein.
Nun flog er durch die Nacht unter lauter Schattengebilden; selbst ein Schatten: das Leben lag hinter ihm. Und das gab ihm ein Gefühl, als sei eine Tür hinter ihm zugefallen, die sich nie mehr öffnen würde, soviel er auch bitten, flehen und schreien würde. Doch diese Empfindung erweckte nur ein ganz mattes, unklares Entsetzen in ihm. Er flog über meilenweite Schneefelder, auf denen sich dunkle Ungeheuer wanden, tief, tief unter ihm. »Wir können dir nichts mehr tun,« klang es zu ihm herauf, »denn du bist ja schon tot.« Peter (den er erschossen zu haben glaubte) kam ihm entgegengestürmt und begrüßte ihn mit lautloser, schattenhafter Freude. Sobald er ihn fassen wollte, zerfloß das Tier, um sich dann wieder zu einem nebelhaften Gebilde zusammenzusetzen. John bereute bitter, daß er ihn getötet hatte. Das kümmerlichste Leben, dachte er, ist tausendmal besser als tot sein.
Es wurde sehr früh Tag im Saal, weil das mittelste der Fenster auf seinen Wunsch unverhängt geblieben war: er wollte doch das Licht genießen, solange er noch konnte. Und nun kam schon früh die Sonne zu ihm herein und weckte ihn ganz leise auf. Die Augen öffnend, sah er sich ratlos um: war er denn nicht gestorben? Ihm wurde so feierlich zumute in dem totenstillen, hellen Raum, er mußte plötzlich die Hände falten, und obgleich er nicht betete, war seine Stimmung so fromm wie ein Gebet.
Kam er von Gott, dieser feierliche Frieden, den er plötzlich empfand? War es Gott, der die Verzweiflung von ihm genommen? Der ihn ohne Worte tröstete?
Vielleicht ... vielleicht ... Wenn es einen Gott gab!
Wie hatte der Pfarrer doch schon gesagt: »Der Herr lasse sein Antlitz über dir leuchten und schenke dir seinen Frieden.«
Vielleicht kam er von Gott.
Die Sonne, die durchs Fenster schien, dünkte ihn schon eine andere Sonne, und alles dünkte ihn schon so anders als gestern. Ihm war, als sähe er auf das Leben wie von einem Berg zurück, den er im Traum erstiegen hatte – und nun wollte er nichts mehr von ihm, auf einmal hatte er genug, war lebenssatt und todesbereit. Und sie war nicht ohne Wollust, diese Hingabe an den Tod, sie war ein ungeahnter Genuß, ein so großer, daß er Mitleid zu fühlen begann für alle, die zurückbleiben mußten und noch weite Strecken auf den gefährlichen, staubigen Wegen des Lebens zu wandern hatten.
Und jetzt war er überzeugt, daß er den Weg gegangen, den sein Schicksal, das heißt seine Anlagen ihm bestimmten, daß es kaum in seiner Macht gelegen, einen andern zu gehen, und daß er darum eher zu beklagen als zu verdammen war. Weder er noch seine Eltern trugen schwere Schuld an seinem Los, weder sie noch er waren im Grunde dafür verantwortlich zu machen. Seine Anlagen waren ihm zum Verderben geworden, das war es! Und seine Anlagen waren eine Laune der Natur, für die niemand verantwortlich war, auch nicht Vater und Mutter, und sie waren stärker gewesen als sie alle zusammen. Laune der Natur war Gutes wie Böses, und das mußte hingenommen werden wie Sonne und Regen, wie Stille und Sturm – denn wer konnte die Natur zur Verantwortung ziehen? Nach Willkür brausten die Winde, nach Willkür traf der Blitz, es gab keinen Herrscher über den Launen der Natur. Aber vielleicht, vielleicht gab es doch etwas Liebes und Gutes im All: einen Gott, nicht zum Herrschen, zum Trösten da.