Aber ein Gefühl des Ekels über sich selbst stieg ihr in die Kehle. Wie tief sie gesunken war, daß solche Gedanken kommen konnten. Sie schloß die Tasche in den Schreibtisch ein und suchte eine andere hervor. Dabei sah sie einen Zettel, den die Präsidentin an eine der zahlreichen Geburtstagsgaben geheftet hatte.
„Meinem Sorgen- und Glückskinde!“
Sie sah auch das gütige, feine Gesicht deutlich vor sich und hörte die Worte, mit denen sie in Oeynhausen ihre Zukunft erleuchtet und festgelegt hatte. Kam nicht das Versprechen solcher Frau bereits der vollzogenen Handlung gleich. Hatte sich die unabänderliche Tat der Schenkung nicht schon damals vollzogen? – Wen träfe das Verschwinden dieses Geldes? – Es wäre ja gar kein Raub.
Aber was wäre es denn? – Aber eine Mahnung ward ihr im Innern: Eine zerlumpte Zigeunerin hatte einst auf dem väterlichen Majorat der Mamsell aus deren Schlafkammer den unechten Sonntagsring entwendet. Die Knechte liefen ihr mit Wagenrungen und Heugabeln nach, weil es gleich zu Tage kam, griffen sie und spien nach ihr, denn zum Schlagen war sie ihnen zu schlecht gewesen.
Die kleine Eva hatte das alles mitangesehen und ebenfalls versucht das flinke, rote Zünglein zu recken, um nicht hinter den Erwachsenen zurückzustehen.
Jener Ring! Ach – das war etwas ganz anderes. Er hatte eine Besitzerin gehabt, die ein armes Mädchen gewesen und sich nur mühsam so etwas leisten konnte.
Dies Geld aber – –
Sie lag plötzlich auf den Knien und rang die Hände. Ihr Hirn war leer. Im Herzen – am Halse – in den Fingerspitzen jagte eine entsetzliche Angst. Ein Name klang gellend – in Todesfurcht herausgeschrien – durch das Zimmer.
„Mutter – Mutter – hilf mir doch!“