Ein Bett, in dem sie ausruhen konnte, solange es ihr gefiel. Einen Tisch mit einer Lampe darauf, die leuchten durfte – auch zu dem Flügel hin, den sie sich davon erstehen würde. Der Flügel, an dem sie sitzen und sich ihres Lebens Glück ersingen konnte.
Sie schauerte zusammen. Wie war es möglich, daß sie überhaupt dieser Vorstellung Raum gab. Fremdes Geld? Anvertrautes Gut! Was ging es sie an? Mochten sich die verschiedenen überreich bedachten Stiftungen darin teilen. Mechanisch häufte sie, was ihr gehörte, weiter zusammen. Wohin nun aber mit all diesem Tand?
Ihr Blick fiel auf die an der Brücke gekauften Tageszeitungen. Sie vertiefte sich in die Menge feingedruckter Anzeigen. An der einen blieben ihre Blicke haften und kehrten dorthin zurück:
Suche sofort aus bester Familie für meine Tochter gebildete Gesellschafterin. Ernste Lebensauffassung, fester Charakter neben guten Zeugnissen Bedingung. Vorstellung jederzeit. Auch abends bis 10 Uhr bei Frau Eßling, Eisenacherstr. 10, Grunewald-Berlin.
Also ganz nahe. Mit einer spitzen Schere schnitt sie sorgfältig die Reihen aus. Sobald sie hier fertig war, wollte sie sich vorstellen.
Sie legte das schmucklos schwarze Kleid an, in dem sie ihren Vater betrauert hatte. Den wertvollen Spitzenkragen, ein Geschenk der Präsidentin, zerrte sie so heftig herunter, das die spinnwebenfeinen Sternchen zerrissen. Zu diesem Gange durfte sie sich nicht schmücken. Als Gesellschafterin einer sicherlich jungen Tochter mußte sie häßlich, unscheinbar und wesenlos sein. Der Spiegel gab ihr Bild in seiner vollen Schönheit wieder. Die Kämpfe, die rückwärts lagen, quälten sie von neuem. Die unverdiente Eifersucht ihrer früheren Herrinnen – der Neid der Dienstboten wegen ihrer Sonderstellung im Hause, der eigene, lodernde Zorn, stumm die tiefe Einschätzung zu ertragen und nicht zuletzt die Angst, daß sie eines Tages aus Groll, Einsamkeit und Lebensdurst – verdient wäre.
Und nie – nie mehr die geliebte Kunst? Daran hatte sie überhaupt nicht denken wollen. Das zerbrach ihre Kraft. Nun lag sie wieder matt und frierend da und konnte nichts denken. Dumpf fühlte sie, daß dies mehr als ein Grauen vor dem nahen Wege nach dem Golgatha zur Pflicht war. Ein Lebensabschied; der Tod aller Wünsche und Freuden!
Diese zu erwartende Not jagte ihr eine fiebernde Gier durch das Blut. Ein paar tausend Mark nur. Denn jene kleine eroberte Summe würde kaum für die notdürftigsten Anschaffungen genügen. Freilich verwahrte Amtsrat Wullenweber noch einige Möbelstücke aus mütterlichem Besitz für sie. Wo aber war der Raum, der sie bergen konnte? Das Leben war unerhört teuer. Wiederum nach wenigen Schritten stehen zu bleiben und rückwärts zu müssen. Nur das nicht abermals!
Jenes vorübergehend von ihr vergessene Geld, dessen Vorhandensein niemand ahnte – denn die Präsidentin hatte ihr das Nähere erzählt – wäre übergenug, um sie glücklich zu machen.