Die schlanken Hände rissen den festen Bügel ungestüm auf, tasteten unter den Papieren herum und brachten einen dicken Umschlag ans Licht.
„Schauen Sie nur – wie viel Geld.“ Das alte Mädchen staunte.
„Wirklich!“ machte sie unsicher.
„Und nun seien Sie mir nicht böse, wenn ich nichts essen mag, Pauline. Nur schlafen muß ich. Nachher will ich gleich wieder fort. – Meine Sachen sollen doch bald abgeholt werden. Und fertig packen muß ich auch noch.“ –
Dann war sie allein! – Und das Geld, das der alte Tabaksbauer kurz vor der Abreise der Präsidentin zurückgezahlt hatte, war immer noch in ihrem Besitz. Die Wucht der schweren Ereignisse, die seither über sie hereingebrochen, löschten die Erinnerung daran bis zu dieser Stunde aus. Jetzt aber wollte sie sogleich den Justizrat Weißgerber anklingeln und ihm davon Mitteilung machen. –
Sein Büro war bereits geschlossen. Er selbst befand sich zur Zeit, wie ihr am Apparat mitgeteilt wurde, auf einer kleinen beruflichen Reise, von welcher er erst spät Abends zurückerwartet wurde. Nun mußte sie es bis zum nächsten Tage aufschieben.
Mit keinem Gedanken hatte sie in der Zeit der jagenden Aufregungen des ihr anvertrauten Schatzes gedacht. Die Vorstellung, daß er in dem Wirrwarr sehr leicht abhanden hätte kommen können, erfüllte sie nachträglich mit eisigem Schrecken. Vielleicht hatte die Vorsehung es beabsichtigt. Es war jedenfalls gut gewesen, daß sie das Geld der alten Pauline vorzeigen konnte. Nun brauchte sie kein Bettelbrot zu essen. Denn sie hatte dumpf gefühlt, daß sie sonst dem heftigen Drängen nachgegeben haben würde.
Das Gefühl der Mattigkeit war geschwunden. Sie suchte wieder ihre Habseligkeiten zusammen. Ihre Hände zitterten nicht mehr. Sie war ganz ruhig geworden. Einmal ging sie zum Nachttisch, auf dem die frischgefüllte Wasserflasche stand. Wie durstig sie war und wie gut der billige Trunk mundete.
Dann schaffte sie weiter. Die Sonne warf eine Hand voll Strahlen durch das Fenster auf die kleine Handtasche und hob sie empor wie auf einem goldenen Brett. Eva von Ostried nickte herüber, als grüße sie etwas. Das viele – viele Geld! Wenn es ihr Eigen wäre, käme alle Not zu Ende. Was könnte es alles schenken?