7.

Kaum tausend Schritt von Karlsens Villa entfernt stand abseits von der Verkehrsstraße eine Bank. Auf diese strebte Eva von Ostried zu. Im Augenblicke war es ihr unmöglich, ihren Weg fortzusetzen. Alles Denken, bis zur äußersten Grenze erschöpft, setzte aus und sie gab sich willig dieser Müdigkeit hin.

Sie fühlte, daß sie sich dem Manne, der ihr seine Liebe geboten, anverlobt habe. Daß sie überhaupt nach seinem Kuß zu ihm ging, ließ nur diese Deutung zu. Er mußte annehmen, daß sie sein Gefühl erwiderte!

Und es war doch eine Lüge! Sie fühlte nichts für ihn.

Die Blicke, die er auf ihr hatte ruhen lassen, peinigten sie noch nachträglich! Das Erinnern an seine heißen, zuckenden Hände, die sie umklammert hatten, als er vor ihr kniete, brachte ihr erneut die starke Empfindung des Widerwillens gegen seine Zärtlichkeiten.

Das Verhältnis zwischen ihren Eltern fiel ihr ein. Der Vater hatte zuweilen, nach einer besonders guten Flasche Wein von der hingebenden Zärtlichkeit ihrer Mutter in der Verlobungszeit gesprochen. Und doch war später aus der Ehe das geworden, was Evas erste Jugend unaussprechlich ängstigte und sie noch jetzt mit Grauen erfüllte! An dem unverbesserlichen Leichtsinn des schönen Ostried zerbrach die Kraft und das Leben ihrer Mutter, nachdem wohl schon längst ihre Liebe dem starren Pflichtbewußtsein weichen mußte.

Und sie selbst wollte sich jetzt ohne einen Funken schlummernder Zärtlichkeit binden?

Um den roten Mund grub sich eine Falte, die ihr Gesicht hart machte. Der Preis, den sie sich dadurch erringen würde, war hoch genug, um einem törichten, streng verschwiegenen Mädchentraume dies Opfer zu bringen.

Sie war bereit! Aber nicht mehr völlig bedingungslos. Das Gesuch der Frau Eßling wegen der Gesellschafterin für die Tochter fiel ihr ein. Sie wollte versuchen, dort ein paar Wochen unterzuschlüpfen, um sich eine Bedenkzeit zu sichern.

Frau Kommerzienrat Eßling befand sich in einer selten weichen Stimmung, als ihr gemeldet wurde, daß eine Bewerberin draußen warte. Der Sieg über den Willen des Schwiegersohns hatte sie vorübergehend versöhnlicher gestimmt. Ihr Gerechtigkeitsgefühl konnte sich zudem gegen die Wahrheit seiner Bitterkeiten nicht verschließen. In der Hauptsache füllte sie die Freude, die Tochter wieder – wenn auch nur für kurze Zeit – bei sich zu haben, gänzlich aus. Daneben verschwand jede Trauer und Auflehnung.