„Nein, Onkel. Es ist alles vergeblich geblieben. – Du weißt, Vater war stets ein leidenschaftlicher Schachspieler. Auch unser Leben hat er berechnen wollen, weil es für sein eigenes nicht mehr anging. Mancher Zug mag richtig gewesen sein! Nur der Grundgedanke blieb falsch. Nach ihm waren wir, seine beiden Kinder, willenlose Figuren. Dir ist die Lieselotte auch lieb gewesen. Ihre Tollheiten erfrischten, ihr Liebreiz entzückte jeden. Der Vater war sehr stolz auf sie, solange sie sich ihm bedingungslos fügte. Sie hatten stets miteinander Geheimnisse vor mir. Ich durfte ihr daher meine brüderliche Liebe nicht so voll zeigen, wie ich sie empfand. Mußte streng mit ihr sein, denn ich wollte doch nicht, daß sie verloren gehen sollte. – Sie fügte sich dem Vater also willig, bis die Liebe über sie kam. Den Anfang habe ich mit erlebt. Er sang auf der Abendgesellschaft einer reichen Frau, die sich einbildete, seine Stimme entdeckt zu haben. – In Berlin selbst lebte er nicht dauernd, und das machte mich ruhig. Er nannte sich Schauspieler und zog überall umher, wo man ihn bezahlte. Einen ersten Brief fing ich ab – las ihn und nahm sie mir vor. Sie versprach, ihn zu vergessen. Das Versprechen hat sie aber nicht gehalten. Die kleine Lieselotte war mit einem Schlage Komödiantin geworden.“

„Und hat Euer Vater nichts davon gemerkt.“

„Du weißt, er besitzt die Fähigkeit, Unbequemes solange zu übersehen, wie es nur irgend angeht. Eines Tages hatte er aber seinen größten Schachzug fertig überlegt. – Ein Millionär hatte die Lieselotte auf einem Winterball kennen gelernt und begehrte sie. Die Anbetung des älteren reichen Mannes hat ihr bis zu einem gewissen Grade sogar Spaß gemacht. Als sie merkte, daß er ernste Absichten hatte, wurde sie zuerst ängstlich, dann scheu, und schließlich energisch. Sie wollte ihn nicht. – Es war aber bereits alles zwischen dem Vater und jenem abgehandelt. Er hatte ihm auch eine Menge Schulden bezahlt, von denen wir Kinder nichts wußten. Es war also seiner Ansicht nach eine Unmöglichkeit, die Sache rückgängig zu machen. – Lieselotte hat nicht an den Ernst seiner Drohung, daß sie sich diesmal unweigerlich fügen müsse, geglaubt. So hinreißend lieblich sie war, ebenso unbändig, leidenschaftlich und lebenshungrig ist sie gewesen. Von dieser Seite kennst du sie nicht. Hier war sie lediglich das spielerische Kind. Allmählich wuchs sich ihr Durst nach Freiheit zu einer fast krankhaften Gier heraus. Vielleicht hätte sie doch schließlich eingewilligt, wäre der andere, an dessen ehrliche Absichten ich niemals glaubte – nicht immer wieder dazwischen getreten. – Ein Lump, Onkel, in der Maske eines bildhübschen Schlingels. – Sie blieb taub und blind. Ich habe in jenen Zeiten täglich versucht, auf sie einzuwirken, schließlich in jener Nacht nach den letzten, wilden Auseinandersetzungen mit dem Vater, auch fest geglaubt, daß sie zur Einsicht gekommen wäre. – Nach ein paar Monaten, hoffte ich, würde sich der Grimm des Vaters und ihre eigene blinde Leidenschaft verebbt haben. Ich hatte mich gründlich verrechnet. Am nächsten Morgen war sie verschwunden. – Du kannst überzeugt sein, Onkel, das Menschenmögliche, um ihren Aufenthalt herauszubringen, habe ich versucht.“

„Und der Millionär, Walter?“

„Hat umgehend seine Forderungen eingeklagt.“

„Pfui Teufel.“

„Ich glaube, als ordentlicher Geschäftsmann mußte er das tun.“

„Wie habt Ihr’s möglich machen können, Junge?“

„Es ging schon!“

„Viel Vertrauen hast du nicht zu mir gezeigt.“