„Habe ich nicht nötig! Was ich getan habe, auch das, woran du jetzt vielleicht auch noch rühren möchtest, ich täte es gleich wieder.“

„Richard,“ mahnte der Amtsrat still. „Laß die Schatten ruhen.“

„Ihr meint wohl, ich fürchte mich vor ihnen? Weit gefehlt, was sich an meinem eigenen Stamm nicht biegen lassen will, muß weggebrochen werden.“

„Versündige dich nicht, Bruder.“

„Sprecht doch endlich ihren Namen aus. Macht mir Vorwürfe. Schiebt mir alle Schuld in die Schuhe. Ich kann’s ertragen. Ich werde Euch Rede und Antwort stehen.“

Er war der Ueberzeugung, daß seine Stimme im Zorn gellte, und sie war doch nur ein zitterndes, angstvolles Flüstern. Der Schatten, dem er anscheinend mutig begegnete, mußte ihn atemlos gehetzt haben. Das Gespräch verstummte. Der Atem des alten Offiziers bekam keine Kraft mehr. Sein Gesicht erschien in der ungewissen Beleuchtung des schwefelgelben Abendsrots grau und verfallen. Ein junges, leidenschaftliches Geschöpf, dem die Mutter zu früh sterben mußte, saß plötzlich auf dem vierten Stuhl. Und doch lag in Wahrheit nichts als der unruhige Schein wilden Weinlaubs darauf. Die einzige Tochter des Majors und Walters Schwester!

Der Amtsrat wischte sich über die Augen. Seitdem das mit ihr geschehen war, hatte der Bruder sein Haus gemieden. Erst jetzt war er, ohne besondere Einladung, wieder gekommen.

„Die Reise hat mich etwas angestrengt,“ sagte der Major plötzlich. „Ich will schlafen gehen.“ – –

Eine Weile verharrte der Amtsrat noch in nachdenklichem Schweigen. Dann tippte er dem Neffen auf die Schulter.

„Du mußt mir alles von damals erzählen, Walter. Aus den Briefen, die mir der Vater geschrieben hat, bin ich nicht klug geworden. Hast du irgend etwas über sie erfahren können?“