Wie war es doch damals gewesen, als sie die Villa der toten Präsidentin verließ? – Sie hatte sich eine kleine Wohnung genommen. Wirklich in guter Gegend. Und eine Bedienung, die in jeder Beziehung ausgezeichnet für sie sorgte, war auch schnell gefunden, weil sie mit dem Entgelt nicht kargte. Dann kamen die Lehrer an die Reihe. – Die allerersten. Ralf Kurtzig blieb ihr treu, wie sie ihm. Seine Gegenwart war ihr ständig mit einer Feier verbunden, die sie wunderbar für die nüchternen Arbeitsstunden des Unterrichts stärkte. Ohne das gesteckte Ziel jemals zu verlieren, schritt sie weiter. Das Ziel, auf Heller und Pfennig einst zurückzuerstatten, was – –
Jede neubeginnende Woche bestimmte sie zum Beginn des Zurücklegens. Es wollte aber immer noch nichts damit werden.
Sie wurde erschreckend mager, nervös und hilflos. Denn ihre Nächte hielten tausend Rächer für die durchhetzten, gedankenlosen Tage in Bereitschaft. Der Inhalt der kleinen schwarzen Handtasche nahm merkwürdig schnell ab. Es kostete alles noch viel mehr, als sie berechnet hatte. Von den zwölftausend Mark hatte das erste Jahr mit seinen zahlreichen Anschaffungen die Hälfte verbraucht. Nach dieser Feststellung änderte sie auch ihren Lebensplan. Bis dahin sah sie Unterrichtsstunden lediglich als eine Hilfsquelle an. Jetzt stellte sie nach Rücksprache mit ihren Lehrern fest, daß bis zum ersten Geldverdienen als Opernsängerin noch eine geraume Zeit vergehen mußte. Denn als abgeschlossen konnten sie die Ausbildung ihrer Stimme vorläufig noch nicht bezeichnen.
Und danach?
Sie zweifelte nicht daran, daß ihr die breite Oeffentlichkeit mit Huldigungen und Beifall danken würde. – Ob sich aber auch in gleichem Maße die Gagen einstellen würden? – Toiletten würden nötig werden, die erschreckend viel kosteten, wenn nicht ein anderer sie bezahlte.
Auch jener andere hatte sich zur Verfügung gestellt. Paul Karlsen, der sich aus den Berichten seiner ahnungslosen Frau die Zusammenhänge leicht aufbaute, fand sie schnell und flehte um ihre Vergebung. Als Eva von Ostried ihm für immer die Tür gewiesen, wußte sie, daß das Blut ihrer Mutter in ihr stärker geworden, als dasjenige ihres Vaters. Auf der einen Seite lockte ein Erfolg, wie sie ihn niemals auf der andern erwarten durfte.
Knie beugten sich vor ihr! Hände haschten nach dem Saum ihres Gewandes. Geld und Schmuck leuchteten. Lorbeer duftete. Und sie hielt es für unmöglich, zu entsagen! Aber aus dem wirren Hetzen der Gespenster rang sich eine Aussicht zum Frieden durch: Gutmachen!
Es war schwer, wenn nicht unmöglich! Und der heimliche Fluch würde weiter lasten. Vielleicht, daß ihn der Beifall einer dankbaren Menge – die Leidenschaft eines Einzelnen für Stunden abnahm?
Und wiederum danach? – Was sind Stunden im Vergleich zu Jahren – Jahrzehnten?
In jener Zeit der härtesten Kämpfe klopfte eine blutjunge, blasse Verkäuferin an ihre Tür. Sie hatte Eva von Ostried singen hören und wußte seit diesem Augenblick mit dem feinen Gefühl der Ringenden, daß jene eine Gottbegnadete war. – Fast weinend vor Verlegenheit und Erschrecken über ihre Kühnheit hatte sie ihre Bitte vorgetragen.