„Vielleicht erblich belastet?“
„Möglich! Die Mutter, nach dem Bilde zu urteilen, war eine Schönheit! Der Vater soll ein flotter Herr gewesen sein, der ihr nichts als Schulden und den alten Namen hinterließ.“
„Verdreht,“ sagte Baron Alvensleben, „aber hören Sie, versucht wird es dennoch. Wenn nicht jetzt, ganz bestimmt am Schlusse. Wenigstens ein Plauderstündchen im Parkhotel mit ihr.“
„Schön! Machen Sie sich das Vergnügen! Sie können sich meinetwegen als Zeuge ihrer gestrigen Triumphe einführen. Nur, sagen Sie ihr nichts von unserer Bekanntschaft.“
„Na nu!“
„Ja, Baron. Sie vertraut mir voll und ich möchte nicht, daß dies jemals anders würde. Kein Mißverstehen, Ihr Lächeln ist unangebracht. Die Kunst kann, wie wir soeben festgestellt haben, sehr rein sein. Der Künstler in mir freut sich an ihr, ringt um die Erhaltung ihrer Gunst, zollt ihr neidlos die verdiente Anerkennung.“
„Das haben Sie mir gut gegeben, Kurtzig. Ich nehme es Ihnen nicht übel. Kommen Sie. Nein, nicht in den Prunksaal. Sehen Sie, da schreit der Unterschied zwischen Bayreuth und München. Die Aufführung verspricht auch diesmal ganz hervorragend zu bleiben. Nur das Drum und Dran ist’s, was hier nie erreicht wird. Die Weihe fehlt. An Kosimas Brandaugen vorbei schlich man sich dort während der Pausen, trunken vor Begeisterung in das sanfte Grün eines wirklichen Götterhains und entheiligte sich nicht, bis die feierlich rufenden Tubenklänge wiederum erbrausten.“
Ganz einsam saß Eva von Ostried in dem weiten Raume. Sie war auf vier Tage nach München gekommen, um im Anschluß an die beiden Konzerte, in denen sie sang, den „Parsifal“ vor allem zu hören. Nun hatte die Musik alles Schlafende in ihr wachgerüttelt. In Berlin konnte sie es zurückschieben in das Dämmern eines dauernden Halbschlummers. Während sie bereits seit Jahresfrist lehrte, vernachlässigte sie das Selbstlernen nicht. Ihre Zeit war dadurch mit jeder Stunde, ja, mit jeder Minute, im voraus berechnet. Hier ruhte sie aus.
Aber überwand sie jetzt auch die Schatten, bezwang sie alle Gedanken, indem sie sich zu der Menge begab, zum Einschlafen brachte sie sie nicht wieder. Sie würden sich zwischen ihre Empfindung und die Gestaltung der nächsten Aufzüge drängen und ihr nichts hinterlassen als das bittere Gefühl, plötzlich vor der verschlossenen Pforte zum Allerheiligsten zu stehen. Darum ließ sie sich willig von ihren Gedanken zwingen.