„Weil ich mir etwas Aehnliches gedacht habe, sage ich Ihnen das auch hauptsächlich. Nun aber keine vorzeitige Leichenbittermiene. Das würde sie selbst am meisten betrüben. – Sie kann sich natürlich auch noch längere Zeit halten. Wie gesagt.... auch dem Gesundesten geschieht zuweilen ein rasches Unglück. Sehen Sie die Sängerin an. Fällt vor ein paar Stunden einfach auf dem ebenen Fußboden hin und bricht sich ein Bein. Dabei nicht etwa glatt und anständig. Es wird eine langweilige Geschichte werden. Grade komme ich von ihr. Na ja... sollten sich übrigens auch besser nach dem Essen aufs Ohr legen. Die Sonne sticht gewaltig....“ –
Gegenüber der Seitenpforte des Theaters, durch welche die Schauspieler mehr oder minder pünktlich, zu schlüpfen pflegten, stand eine kühngeschweifte Bank. Darauf ruhten sie nach den Proben aus und belustigten sich damit, über die vorüberkommenden Kurgäste, sofern sie nicht zu den eifrigen Verehrern ihrer Kunst zählten, zu spötteln. Denn sie kannten fast jeden Einzelnen ihrer treuen Gemeinde, die höchstens alle Monat einmal ihr Aussehen änderten. Zur Zeit war diese Bank leer. Eva von Ostried nahm darauf Platz. In ihrem Gesicht lag der Ausdruck tiefen Kummers. Die Unterredung mit dem Geheimrat hatte vorübergehend die eigenen Interessen erstickt. Bittere Selbstvorwürfe stürmten auf sie ein.
Während ihre Wohltäterin nach den vorangegangenen Anzeichen einer großen Mattigkeit, sicherlich wieder von einem jener tapfer ertragenen Anfälle gequält wurde, stand sie im Begriff sie zu hintergehen.
Die mütterliche Güte und Nachsicht der Präsidentin, die ihr der Unbekannten, als sie zerbrochen und matt in ihr Haus kam, wieder die Kraft zur Lebensfreude schenkte, rührte sie von neuem.
Durfte sie diesen Schritt tun, obgleich sie genau wußte, daß die Präsidentin ihn mißbilligen, wenn nicht gar auf das Strengste untersagen würde?
In ihrem Gesicht zuckte ein harter Kampf. Eitelkeit und Dankbarkeit rangen mit einander. Das berauschende Vorempfinden uneingeschränkter Bewunderung maß sich mit der überwältigenden Freude, daß sie sich in absehbarer Zeit ihren geliebten Studien wieder gern voll widmen und sie ohne drückende Sorgen zu Ende bringen sollte. In diesem Augenblick lief ein barfüßiger Junge an der Bank vorüber. Sie empfand sein Erscheinen als die Bekräftigung der guten Vorsätze und winkte ihm stehen zu bleiben.
„Ich will schnell einen Zettel schreiben,“ sagte sie freundlich „und Du trägst ihn mir hinein, ja?“ Er nickte bereitwillig und setzte sich zu ihr. Ein aus dem Taschenbuch herausgerissenes Blatt bedeckte sich mit ihren feinen, klaren Schriftzeichen.
„Mein Versprechen war übereilt“ schrieb sie, „ich kann es leider nicht halten. Teilen sie dies bitte, Herrn Direktor mit.“
Schon hatte sie ihn zusammengefaltet und den Wartenden beauftragt, ihn an Herrn Paul Karlsen abzugeben, als drinnen eine umfangreiche, wenn auch etwas scharfe Stimme, Philines halb spöttisches halb mitleidsvolles Lied zum Gehör brachte: