Wäre Fräulein Messing weniger erfüllt von dem überraschenden Ereignis gewesen, hätte sie den Ausdruck großen Erschreckens auf dem Gesicht der alten Dame wahrgenommen. So aber merkte sie lediglich, daß hier ein Geheimnis vorliege und freute sich, die Erste zu sein, die es der Nichtsahnenden enthüllte. In ehrlicher Verwunderung schlug sie die Hände zusammen.

„Frau Präsident sind also wirklich ahnungslos? Nein, so etwas! Da will ich gern berichten. – Als wir uns gestern Abend an Mignon erfreuen wollten, wurde uns die große Ueberraschung zuteil, Fräulein von Ostried als solche zu erleben. Gnädige Frau, es war einfach himmlisch. Solche Stimme habe ich noch niemals gehört. Das Publikum raste vor Begeisterung. Und unsere gesamte Pension hat in aller Eile – das „wie“ ist mir freilich bis jetzt verborgen geblieben – einen herrlichen Aufbau aus lauter roten Rosen gestiftet, den Herr Oberst selbst im Namen Aller überreicht hat.“

Die Präsidentin hatte sich aufgerichtet und rang mühsam nach Atem. Sie war lange unfähig zu einer Entgegnung. Endlich stieß sie hervor:

„Gehen Sie, bitte.. und senden Sie.. mir sofort.. Fräulein von Ostried.“

Das soeben Gehörte war ein harter Schlag für sie. Zwar hatte sie gewußt, daß Eva ehrgeizig und eitel zugleich sein konnte – war auch wiederholt gegen deren Anwandlungen von kräftiger Selbstsucht zu Felde gezogen.. daß sie aber jemals imstande sein könnte, hinter ihrem Rücken, den ersten Schritt in die Oeffentlichkeit zu wagen, empfand sie, besonders nach den heute gemachten Zusicherungen, nicht nur als Undankbarkeit, sondern als eine Unaufrichtigkeit, die sie schmerzhaft quälte.

Gewiß – sie verhehlte sich nicht, daß ihre wiederholt geäußerte Mattigkeit Eva von Ostried das Befragen und Beichten erschwert hatte. Immerhin – würde sie bei ernstlichem Willen die Möglichkeit dazu gefunden haben. Sie suchte sie aber nicht, weil sie im Voraus wußte, daß ihr unter gar keinen Umständen die Erlaubnis zu diesem verfrühten Auftreten erteilt worden wäre. Denn die Präsidentin war Eine von Denen, die es viel zu ernst und heilig mit der Ausübung der Kunst nehmen, um sie zu einer Entweihung durch fiebernde Eitelkeit mißbrauchen zu lassen. Mochte für all diese Ohren Eva von Ostrieds Stimme noch so wunderschön geklungen haben, ihr fehlte doch noch unendlich viel, um sich öffentlich hören zu lassen. Um sie auch vorher innerlich reifen zu machen, hatte sie die Beschränkung der Musikstudien bisher durchgesetzt. Was sie ihr gestattete, war lediglich ein wöchentlich einmaliger Unterricht durch einen der ersten Stimmbildner. Solange Eva ihrem Einfluß zugänglich blieb, hatte sie die berechtigte Hoffnung, sie für alle Gefahren, die ihr um der Schönheit halber viel mehr als den späteren Genossinnen drohen würden, zu festigen. Sobald sie sich erst völlig in jenen Kreis der anders Denkenden einfügte, wurde ihr erziehlicher Einfluß geringer, um fraglos sehr bald aufzuhören.

Daß Eva sich bei der ersten Versuchung als schwach erzeigt hatte, erfüllte sie mit einer dumpfen Zukunftsangst. Denn sie liebte das junge Geschöpf!

Eva von Ostried kam bleich und verweint herein. Sie zeigte nichts von dem Glanz einer überwältigenden Freude. Fräulein Messings überstürzte Mitteilung, aus der sie entnehmen mußte, daß Frau Melchers alles wisse, hatte sie tief gedemütigt. Zudem blieb die andere Erfahrung, von welcher außer ihr bisher – Gottlob – nur der Andere etwas wußte, mit grausamer Härte auf sie ein. Sie warf sich vor dem Lager auf die Knie und barg schluchzend den Kopf in die Kissen. Die Stimme der Präsidentin klang ungewohnt hart an ihr Ohr:

„Stehen Sie auf! Nur jetzt kein Theater!“

Diese Worte schmerzten mehr, wie ein Schlag. Sie zuckte zusammen und stammelte etwas.