Sie pochte an die zweite Tür neben der Küche, hinter welcher der Klitziger Herr zur Sicherheit noch einmal die Seiten zusammenrechnete, deren Ergebnis sein Bruder bereits festgestellt hatte.
„Herr Amtsrat, die Waldesruher Schimmel halten vor der Treppe.“
Er sah flüchtig auf, ohne die Feder von den Zahlenreihen zu nehmen.
„Ist wohl ein neuer Kutscher, der noch nicht weiß, wo der Dorfschmied wohnt.“
„Ich glaube nicht, daß es neuer Hufbeschlag sein soll, Herr Amtsrat. Der Schloßherr sitzt im Wagen.“
„So,“ sagte der alte Wullenweber nicht sonderlich interessiert, „dann fragen Sie ihn nur nach seinen Wünschen. Ich wäre hier und für dringende Sachen auch zu sprechen.“
Er blieb ruhig sitzen; aber er verrechnete sich. Sein verwittertes Gesicht nahm einen unwilligen Ausdruck an. Bisher hatte es der Nachbar nicht der Mühe wert gehalten, sich ihm in seinem Hause vorzustellen. An der Grenze freilich wollte er es verschiedentlich tun. Dazu zeigte der Amtsrat keine Neigung.
Der Waldesruher Herr stand in dem Rufe, ein adelsstolzer, hochfahrender Mann zu sein, der sich einsam hielt. Daneben war er aber auch zweifelsfrei ein tüchtiger Landwirt und das nötigte dem Amtsrat einigen Respekt ab. Es war keine Kleinigkeit gewesen, den zurückgekommenen Acker und die verfallenen Katenhäuser in Ordnung zu bringen.
Horst Waldemar von Ostried maß sieben Fuß. Also nicht in allen Fällen konnte er dafür, wenn er über die meisten Menschen und Dinge fortsah. In erster Ehe war er mit einer Gräfin Aschaffenburg vermählt gewesen, die ihm keinen Erben geschenkt hatte. Seit ihrem Tode, der ein Jahr vor der Uebernahme des Majorats Waldesruh erfolgte, befürchteten die Eltern des nächsten Anwärters die Mitteilung seiner zweiten Heirat.