„Sie können mir alles sagen, Pauline. Ja, ich bitte Sie sogar herzlich darum.“
„Ich hab’s gleich gefühlt, daß Sie einen guten Begriff von ihr haben, Herr Rechtsanwalt. Und so sehr hab’ ich mich darüber gefreut.“
„Nun, dann erzählen Sie einmal!“
„Es ist schnell erzählt. Ich wußte doch nicht Bescheid und befragte mich erst unten beim Hauswart. Da war eine drin, die mir gleich erzählte, daß sie mal bei unserm Fräulein in Stellung gewesen. Sie gefiel mir auf den ersten Blick nicht. Ach, Herr Rechtsanwalt, wenn Sie wüßten, was ich von der zu hören gekriegt hab’.“
„Es wird nicht schlimm sein,“ meinte er. Aber in seiner Stimme zitterte die Angst vor den nächsten Minuten.
„Doch! Ein Freund von unserm Fräulein soll der Person regelmäßig Geld gegeben haben, damit sie nicht zu hungern brauchte. Aber nun ist er plötzlich gestorben, in München, wo sie gerade ein Konzert gegeben hat. Und nun sollte überall geknapst werden und das Fräulein sei ihr noch obendrein dumm gekommen, als ob sie was dafür könnte, daß sich noch kein neuer Freund gefunden hätt’. Solche Gemeinheiten bloß auszusprechen, nicht wahr? Ich kenn’ doch unser Fräulein! Freude hat sie wohl dran gehabt, wenn ihr einer nachgesehen hat. Wozu hätt’ ihr der liebe Gott denn auch sonst all die Schönheit gegeben? Aber stolz und rein ist sie immer gewesen. Das kann sich bei ihr einfach nicht ändern. Und man hört ja schön die Lügerei heraus. In München soll sie gesungen haben, gerade als der Freund sterben mußte. Und unser Fräulein hätt’ schrecklich nachher geweint. Erzählt hätte sie nichts näheres davon; bloß, daß er nicht mehr Sonntags und auch so kommen könnt’, weil er eben tot wäre. – Aber irgend eine andere Person aus ihrem Hause hat eine Zeitung angebracht. Da hat alles drin gestanden. Sogar sein Namen. Und unser Fräulein soll ausdrücklich auch erwähnt sein als eine, die ganz untröstlich gewesen ist, als sie seine Leiche gebracht hätten. Und jetzt wäre ein Mädchen bei ihr. – Bestimmtes wisse man ja wohl nicht. Aber, wenn sich eine niemals an die Sonne traute, keinen Menschen ohne Verabredung zur Tür reinließ und immer so scheu wie ein Hund rumkröche – denn könnte man sich schon allerlei denken. Der Doktor, der die Hausmeisterkinder bei der Grippe behandelt hat, soll zu irgendwem geäußert haben, daß sie den nächsten Kuckuck wohl nicht mehr hören würde. Und wenn so eine dennoch gehalten würde und verwöhnt und verhätschelt dazu, wie die Hausmeistertochter, die oben aufwartet, erzählt, denn wüßte man schon genug.“
„Und Sie haben das alles doch geglaubt, Pauline! Sonst hätten Sie nun gerade zu ihr hinauf müssen und sie befragen. Ja, das durften Sie nach der langen zusammenverlebten Zeit ganz gewiß.“
„Ich mußte weinen,“ sagte sie still. „Ich war zu unglücklich von dem Getratsch, Herr Rechtsanwalt, wie ich schon gesagt hab’.“
„Sie werden noch einen anderen Grund gehabt haben,“ meinte er. „Auch Ihre Ehrbarkeit hat sich gegen diesen Besuch gesträubt?“
Ihr Gesicht war ganz blaß geworden.