„Das versteh’ ich wohl nicht richtig!“

„Nun, Sie hielten sich, nach dem Gehörten, wohl für zu gut, um Fräulein von Ostried noch zu besuchen.“

Sie stieß einen leisen Schrei aus.

„Bei Gott, das war’s nicht!“

„Was könnte es anders gewesen sein?“

Sie suchte nach den rechten Worten.

„In meiner Jugend war ich sehr hitzig und auch jetzt noch geht nicht alles so still zu, wie sich das wohl eigentlich für mein Alter ziemen tät’. Dafür kann einer nichts, glaube ich. Ich war so voller Gift und Galle, daß ich meine Hände kaum stillhalten konnt’. Die wollten der lügnerischen Person an den Hals. – Und so hätt’ ich zu ihr reinkommen sollen? Das wurde mir klar, als ich vor ihrer Tür stand. Verstellen kann ich mich nicht; sie überhaupt würde gleich gewußt haben, daß etwas vorgekommen wär’. Und wenn sie mich angesehen und auf’s Gewissen gefragt hätt’, ja, Herr Rechtsanwalt, dann wär’ bestimmt alles – aber auch alles – rausgesprudelt. Hinterher hätt’ ich mich prügeln können, soviel es mir paßte. Was gesagt war, blieb! Und wenn ich’s hundertmal widerrufen und bedauert hätt’. Den Schmerz wollte ich unserm Fräulein nicht antun. Darum bin ich eins – zwei – drei wieder die Treppe hinunter und habe mich unten auf der Straße erst mal richtig ausgeweint. Am nächsten Tage wußte ich, daß alles Lüge war von Anfang bis zu Ende. Aber wie das alles zusammenhängt, kann ich nicht wissen.“

Er sah starr geradeaus. Den Zusammenhang, den Pauline nicht zu finden vermochte, den fand er leicht. Er sah ein armes, schönes, schwer enttäuschtes Mädchen ohne Schutz und Rat. Die Folgen waren unschwer zu erraten und wer dürfte darum verurteilen?

„Hatten Sie sich denn in aller Form bei ihr angesagt, Pauline?“

„Ich habe sie gefragt, wann ich ihr passend käm’.“