Heute hatte sie sogar heimlich das Bett verlassen, um mit dem Gatten das Mittagsmahl in dem feierlichen Speisezimmer einzunehmen. Sie brach aber unter den geschickten Händen der Jungfer, die sie für die Ausführung ihres Planes gewonnen, zusammen.
Nun ruhte sie längst wieder in den kostbaren Kissen und lauschte auf den Tritt ihres Mannes, der sogleich hörbar werden mußte. Denn Paul Karlsen wollte ihr den Rest dieses Tages zum Geschenk darbringen. Die Proben fielen aus, ein paar von der Kollegenschaft sehnlichst begehrte Aussprachen hatte er, nach seinem Bericht, abgesagt. Deshalb blieb auch die Kommerzienrätin heute fern. Nur der übliche Morgengruß, ein Strauß frischgeschnittener Herbstblumen aus dem Heimatsgarten standen auf der Glaseinlage des Nachttisches.
Vor dem Ruhelager stand ein zierlicher, mit bunten Weinranken und flammendem Mohn geschmückter Tisch mit zwei Gedecken. Die drei von schweren weißen Perlen gehaltenen rosa Schalen brannten und erfüllten alle Gegenstände mit warmem, erwartungsvollem Leuchten.
Sie wußte, wie sehr ihres Mannes Stimmung von äußeren Dingen abhängig war. Hatte unzählige Mal erlebt, daß ihn ein trüber Tag – ein klagendes Wort, – ja, selbst eine unfrisch gewordene Blume in den Vasen reizen und niederdrücken konnte. Darum sollte ihm alles entgegenstrahlen wie zu einem Feste.
Selbst der graue Tag hatte sich gegen Mittag aufgehellt. Ein frischer Wind fegte die letzten Wolken zusammen und warf sie in das Nichts. Die Rolläden wurden jetzt emporgezogen. Der buntfarbige Schein des wilden Weins vermählte sich mit den rosa Schleiern zu einer verschwimmenden Farbe von unbeschreiblichem Reiz.
Die junge Frau dachte daran, daß sie in diesem Herbst eigentlich mit dem Gatten in das kleine Landhaus am Scharmützelsee hatte flüchten wollen, um wie eine richtige Hausfrau selbst die Mahlzeiten zu bereiten, während er auf der dazu gekauften ergiebigen Jagd das Wildpret für den nächsten Tag erlegte! Dies kleine Märchen, mit dem sie ihm, sehr gegen den Willen der Mutter, einen langgehegten Wunsch erfüllte, war für sie zu einer Quelle beständiger Sehnsucht geworden.
Denn Paul Karlsen verbrachte seither die wenigen Mondscheinnächte, die ihm keine Berufspflichten auferlegten, im Anstand auf der Wildkanzel, und sie durfte ihm lediglich mit jedem ihrer Gedanken auf diesen Streifzügen begleiten.
Gerade wollte sich ein tiefer, schmerzlicher Seufzer gegen die Härte des Geschicks auflehnen, als ein leichter, federnder Schritt vor ihrer Tür erklang.
Im Augenblick veränderte sich ihr Gesicht. Von innen heraus kam das Strahlen, übergoß nun auch sie mit dem Schimmer rosigen Lebens – tuschte ein liebliches Rot auf ihre Wangen und setzte glänzende Lichter in ihre Augen, die ihm entgegen lachten.