Die junge Herrin des Hauses verließ seit Wochen das Zimmer nicht mehr. Zuerst war es eine harmlose Erkältung gewesen, hervorgerufen durch eine Fahrt im offenen Wagen bei empfindlichem Ostwind. Paul Karlsen hatte damals im „Deutschen Opernhaus“ als Stolzing auf Engagement gesungen und, fiebernd vor Stolz und Rausch, erklärt, daß er im geschlossenen Gefährt ersticken müsse. Da waren sie selbstverständlich ohne das schützende Verdeck mit dem feurigen Braunen der Kommerzienrätin durch die Nacht gejagt, um irgendwo mit ein paar auserwählten Kollegen den ungeheuren Erfolg des Abends bei eiskaltem Sekt zu feiern.

Frau Elfriede war selig gewesen, weil er sie dazu mitnahm. Unter dem Vorwande, dadurch schneller nach der Vorstellung heimzukommen, hatte sie das Gefährt von ihrer Mutter, die es sonst dem Schwiegersohn nicht gewährte, erbeten, nachdem diese umsonst die zarte Tochter von einem Theaterbesuche bei dem rauhen Wetter abzuhalten versucht hatte.

In ihrem lichtblauen Seidenkleide mit den wundervollen echten Spitzen – das Rot des Fiebers und der Erregung auf dem schmalen Gesicht – hatte die junge Frau fast hübsch ausgesehen. Dankbar umfaßte sie ihres Mannes Rechte, weil er sie nicht zuvor heimgeschickt, um dann allein zur Nachfeier fortzustürmen.

Freilich glaubte sie genau zu wissen, daß er das bisher einzig aus Sorge für ihre Gesundheit so getan. Aber eben deswegen jauchzte sie inwendig, daß sie einmal von ihm als Gesunde betrachtet wurde.

Wie hätte sie darum auch nur das leiseste Wort einwenden dürfen, als er den Kutscher zu immer größerer Eile anfeuerte? Der Wind schnitt wie mit scharfen Messern in ihre empfindliche Haut. Ihre Brust begann zu schmerzen, weil sie krampfhaft den Atem einhielt. Sie brauchte aber nur ihres jungen, sieghaften Stolzings zu gedenken, dessen Stimme besonders im Preislied von berückendem Glanz gewesen. So war sie zugleich Weib und Kind! Wunschlos glücklich und daneben neugierig auf den Blick in das bunte Leben.

Nun war es ihr nicht viel anders wie den kleinen Spätmalven ergangen! Sie büßte schwer. Aus der Erkältung war ein Husten geworden, der sich sehr böse und hartnäckig gestaltete, weil ihn die Leidende zu lange verheimlichte. Die schmerzhafte Brust- und Rippenfellentzündung, die sich hinzugesellte, war zwar auch wieder überwunden. Eine kleine Schwäche blieb indes zurück. Das Herz war angegriffen! Nur das Herz. –

Frau Eßling besuchte die Tochter täglich. Aber sie vermied es, mit dem Schwiegersohn zusammenzutreffen. Das ließ sich, ohne damit zu verletzen, sehr gut einrichten. Seitdem Paul Karlsen den fünfjährigen Vertrag, der ihn an das „Deutsche Opernhaus“ band, unterzeichnet hatte, war er noch weniger wie früher in seinem Heim anzutreffen.

Heimlich vor der Tochter hatte sich die Kommerzienrätin erkundigt, ob ihn die Proben zur Zeit so voll, wie er behauptete, in Anspruch nahmen. Und die gewonnene Auskunft mußte es bestätigt haben, denn sie widersprach Frau Elfriede nicht mehr, wenn die über die Grausamkeit der Spielleitung zu klagen begann. mdash;

Im übrigen betrachtete sie diese Erkrankung, die ja, Gottlob, bald zur Genesung werden sollte, als ihr Geschenk, das sie dankbar genoß. Ihre Befürchtungen waren auch geringer geworden, seitdem sich die Tochter endlich bereit gefunden, während einiger Wintermonate mit ihr nach St. Blasien zu gehen. Der wöchentlich einmal zu dem Hausarzt hinzugezogene Professor erklärte sich mit dem Verlauf durchaus zufrieden und die junge Frau selbst fühlte, außer der Mattigkeit, keinerlei Beschwerden.