Sie strengte sich umsonst an, ihm zu folgen. In bleischwerer Müdigkeit sanken ihre Lider zu. Es war sehr still. Denn auch Karlsens weiche, schmeichelnde Stimme klang wie ein Streicheln, das alles noch sanfter machte. Er sah nach einer Weile zu ihr hin und entdeckte, daß sie eingeschlafen war.
Sobald er verstummte, öffnete sie die Augen und starrte ihn mit seltsam leeren Blicken an. Es war ihm auch, als röchele sie leise. Er ging nicht zu ihr, um sie zu befragen, ob sie Schmerzen habe, aber er begann wieder zu lesen, bis er endlich, heftig und mißmutig, das Buch zuklappte und sich erhob. Da öffneten sich ihre Lider von neuem. Diesmal streckten sich in zitternder Bewegung die Arme nach ihm aus.
„Paulchen.“ In traumverlorener Bitte klang sein Name. Da ging er großmütig an ihr Lager und küßte sie.
„Schlaf weiter, kleine, müde Frau!“
Ihre Lippen waren so kühl, daß er zusammenfuhr. Ihr Gesicht ähnelte, nun die Röte der Erregung daraus geschwunden, einer geblichenen Maske. Wie sein Mund den ihren berührte, lächelte sie dankbar.
Unter dem feinen Batist der losen Jacke sah er das stoßweiße Zucken des matten Herzens – merkte, wie ihre blassen Lippen nach einem tiefen, erlösenden Atemzug dursteten. Mit kaltem Schrecken durchrieselte ihn der Gedanke, daß plötzlich eine Verschlechterung eingetreten sein könne, die ihn ans Haus fesseln mußte. Ihn zog es unwiderstehlich fort – ins Esplanade.
Er wollte der Jungfer von seiner Befürchtung Mitteilung machen, ehe er verschwand. Sah dann aber ein, daß er ihr lediglich von seinem Ausgange sagen könne, damit sie sich zu der Kranken begebe. Sein mehrmaliges Läuten nach ihr blieb indessen wirkungslos. Nur der alte Diener erschien. Ohne stehen zu bleiben, rief er ihm, nur den Kopf zurückwendend, zu:
„Die gnädige Frau hat mit bestem Appetit gegessen und jetzt schläft sie herrlich. Ich fahre nach dem Scharmützelsee hinaus, um auf den Rehbock zu gehen. Melden Sie das der Frau Kommerzienrat.“
Eine Antwort erhielt er nicht. Ungeduldig stürmte er durch den Vorgarten, ohne zu sehen, daß sich über das alte Gesicht im Vestibül eine heimliche Träne stahl!