„Nämlich, nimm dich in Acht. Sonst –“
Sie dachte plötzlich mit der Empfindung aufrichtigen Mitleids an alle, die einen frühen Tod erleiden mußten. Auch an die Schwestern, die sie noch lebhaft in der Erinnerung als stille, bleiche, ungeliebte Wesen hatte.
Sie aber wurde geliebt wie kaum eine zweite Frau, war glücklich und dachte noch lange nicht an das Sterben! Dies bißchen Unpäßlichkeit. Nun, was hatte dies zu sagen? War nicht diese oder jene aus ihrer Bekanntschaft ebenfalls eine Zeitlang bleichsüchtig und matt gewesen?
Sie wollte gesund und stark werden. Für sich und den Liebsten und all das, was vielleicht die Zukunft noch für sie bereit halten würde. Und beweisen wollte sie ihm ebenfalls, wie unnötig und übertrieben die ewige Bevormundung sei!
Sie rang sich auf und lief zu ihm! Er lag auf dem kostbaren Eisbärenfell und paffte runde, kunstgerechte Ringel in das Rosa der Luft.
Es stieg ihr wie Lachen auf, aber sie mußte husten, als solle sie ersticken.
„Leichtsinn,“ schalt er. Aber auch er lachte dabei.
Sie begann, durch den ungewohnten Genuß des Sektes angeregt, durch den eigenen Willen hochgehalten, zu tollen und wieder zu lachen, zerrte eins der seidenen Kissen unter seinem Kopf hervor, warf es gegen sein Gesicht und stand einen Augenblick mit wogender Brust – atemlos von der ungewohnten Anstrengung mit einem Gefühl heftigen Schwindels.
Als es überwunden war, ohne daß er etwas davon gemerkt hatte, erhöhte sich ihre Ausgelassenheit noch. Ein Rausch glühte in ihr. Dann wurde sie mit einem Schlage ganz matt. Er fühlte ihren leichten Körper schwer und immer schwerer in seinen Armen und trug sie auf ihr Lager zurück. Dort lag sie regungslos unter dem Geriesel der feinen Spitzen.
„Jetzt sagst du lange Zeit kein einziges Wort,“ befahl er. „Ich werde nicht weiter ruhen, sondern wieder lesen. Also, weiter im Text mit unserm Goethe.“