„Ich habe es gefühlt,“ sagte Eva von Ostried und erzählte ihr, wie sie die junge zarte Frau kennen gelernt.

„So glauben Sie nicht, daß sie etwas von mir geahnt hat?“

„Auf keinen Fall. Er war zu gewandt und zu klug, um ihr nicht die vollendete Komödie des treuen Ehemannes vorzuspielen.“

„Dann wird sie mir auch niemals geflucht haben.“

„Nein, mein Kleines, das konnte sie bestimmt nicht tun, weil sie ahnungslos war. Wäre sie es aber selbst nicht geblieben – hätte sie im Laufe der Zeit einsehen müssen, daß seine Treue weniger wie ein fadenscheiniges Tuch darstellte, dazu hätte weder ihre Kraft noch ihre Veranlagung ausgereicht. Was sie an Gefühlsstärken besaß, gehörte ihm.“

„Können Sie sich vorstellen, daß ich am meisten um diese arme, stille, vertrauensselige Frau gelitten habe?“

„Ja, das kann ich! Es war aber unnötig.“

„Nun ist sie gestorben, ohne dies erleben zu müssen...“

„Das erscheint mir als ihr größtes Glück. – Ich muß heute noch meine Rechnungsbücher abschließen, Kind,“ meinte Eva dann in verändertem, ruhigen Tone. „Es ist sehr viel nachzutragen. Und Briefe muß ich ebenfalls schreiben. Denn bald geht es zu den beiden Konzerten nach München. Ich möchte Sie gern mitnehmen. Könnten Sie sich jetzt nicht leichter entschließen?“

„Meine Angst vor der lauten Welt ist trotzdem größer geworden,“ gestand Gretchen Müller beschämt. „Aber auch, wenn ich meine Bangigkeit bekämpfen könnte, wäre die Qual zu groß für mich.“