Wie sollte sie also jemals imstande sein, mit Zins und Zinseszins, wie sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht, alles zurückzugeben? Die heimliche Not wuchs zuweilen so mächtig, daß sie sie in alle Welt hätte hinausschreien mögen.
Und doch wachte sie mit ängstlicher Sorgsamkeit über jedem ihrer Worte, meinte oft genug aus einer unschuldigen Frage oder einem bedeutsamen Blick ein Ahnen ihres Frevels herauszulesen.. Sie arbeitete und lernte nur noch wie ein Automat! Einmal mußte ja doch alles anders werden!
Sollte sie sich jetzt noch der Bühne zuwenden?
Das sonderbare Erschauern durchkältete sie von neuem. Ihre Keuschheit kämpfte dagegen an. Aber war sie nicht schön? Liefen ihr die Männer nicht in voller Bewunderung nach? Nur ihres ermunternden Lächelns hätte es bedurft, um die Fäden zu knüpfen. Sie mußte ihr Leben von Grund auf ändern. Die Gleichgültigkeit gegen die kleinen Geschehnisse des Daseins fortan bekämpfen. Da lag zum Beispiel noch uneröffnet die schon vor Stunden angekommene Post.
Weltbewegendes war nicht darunter. Ein Schüler sagte für diesen Nachmittag seine Stunde ab und erbat sich eine andere Stunde dafür. Das brachte wieder Mühen und Aenderungen in Menge. Ihr theoretischer Lehrer fragte an, ob sie eine in der Berliner Gesellschaft durch Schönheit und Geld wohlbekannte Gräfin regelmäßig zum Gesang begleiten wolle. Sie zahle ausgezeichnet. Dazu verspürte Eva von Ostried nicht die geringste Lust, so gern sie auch ihre Einnahmen vergrößert hätte. Ihr Stolz bäumte sich auf. In dem Bewußtsein ihrer Künstlerschaft empfand sie das Anerbieten als eine Beleidigung. Freilich war es gut gemeint, denn sie hatte neulich in seiner Gegenwart einen vernehmlichen Seufzer über die wachsenden Ausgaben getan.
Eine Handschrift auf dem graugetönten steifen Leinenumschlag war ihr fremd und nicht angenehm. Sie zeigte so viel Schnörkel und Haken, als wisse der Schreiber nicht voll mit sich Bescheid. Es war der Brief des Waldesruher Majoratsherrn, der sie für Mittwoch nächster Woche zur Teilnahme an der Familiensitzung der Ostrieds in das Haus Adlon einlud.
Früher hätte sie ihn achtlos bei Seite geschoben. Ihre einzige Empfindung wäre möglicherweise eine berechtigte Bitterkeit gewesen, daß sich das gesamte edle Geschlecht niemals um ihr Wohl bekümmert habe. Eine Erinnerung aus ihrer Kinderzeit an zwei Erscheinungen, die ihr damals wie aus Holz geschnitzt erschienen, tauchte auf. Die beiden steifen, stummen Gestalten thronten eines Tages an der Spitze der elterlichen Mittagstafel. Zwischen ihm hatte ein rothaariges, kleines Mädchen von ihrem Alter Platz genommen, das sie lebhaft an ihren toten Goldfisch erinnerte. Dessen Augen hatten aus dem gläsernen See ebenso blaß, rund und erstaunt geblickt, wie diejenigen der schweigsamen Puppe.
Sie hatte die beiden Steifen mit Großtanten anreden und ihnen die Hand küssen sollen. Das war ihr aber nicht möglich gewesen, weil sie ein heftiger Widerwille geschüttelt hatte.
Ihr zarte, scheue Mutter hörte mit ängstlichen Augen den späteren Erklärungen der ungebetenen Gäste zu, die wiederholt betonten, daß sie lediglich des gebrochenen Wagenrades halber hier Einkehr gehalten hätten.