Der Vater hatte zuvor in den Ställen seine Wut über den unerwünschten Besuch ausgetobt. Aber nachher küßte er selbst die häßlichen Hände aus Holz. Und dann waren sie plötzlich wieder fort gewesen! Näheres erfuhr die kleine Eva über den kurzbemessenen Besuch von keiner Seite. Nur wenn sie ungehorsam war, schreckte sie die Kinderfrau mit der Drohung. „Warte, die gnädigen Großtanten sollen schon wiederkommen....“
Es traf aber nicht ein. Es kam seitdem überhaupt Niemand mehr von der Verwandtschaft! Noch einmal überlas sie das Schreiben. Ihm fehlte jede persönliche Bemerkung. Auch wurde eine Antwort auf diese Einladung nicht erwartet. Wer nicht erschien und auch keinen Einspruch gegen den bekannt gegebenen Tag erhob, unterwarf sich dem von der Mehrheit der Anwesenden gefaßten Beschluß.
Heute überlegte Eva von Ostried mit einem Gefühl der Genugtuung, daß es ihr gutes Recht sei, unter diesen Andern zu sitzen und mitzustimmen. Ihr Einspruch würde genügen, um einen neuen Tag in Vorschlag zu bringen. Diese Feststellung befriedigte sie. Seitdem sie jene Schuld auf sich geladen, verlangte sie heißhungrig nach äußerer Anerkennung ihrer Standesrechte. Wenn es sich also mit ihren Pflichten vereinen ließe, würde sie vielleicht dieser Einladung nachkommen.
18.
Der Generalleutnant a. D. Jeschko von Ostried, Exzellenz, zog zum dritten Male die Uhr aus der Tasche, warf einen scharfen Blick über die mit ihm an der gleichen Tafel Sitzenden und stellte fest: „Vier Uhr genau!“ Dann wartete er noch eine Minute und erhob sich.
„Als Aeltester der hier anwesenden männlichen Ostrieds eröffne ich hiermit den Familientag unseres Geschlechts und begrüße Alle an dieser Stelle.“.... Hier unterbrach er sich und sah aus strengen, eng zusammengeschobenen Augen auf den plötzlich erscheinenden alten Diener des Kummersbacher Vetters, der die verschiedenen Ostrieds im Vestibül zu empfangen und hierher zu weisen hatte. „Der Kummersbacher kann seine Untergebenen keine Subordination lehren“, dachte er grimmig, während er nervös mit der Rechten auf der Tafel herumtrommelte.
„Es ist noch eine Dame angekommen, die sich Fräulein Eva von Ostried nennt“, meldete der Alte gemütlich. „Soll ich sie hereinführen, Euer Exzellenz?“