„Eigentlich lieb ist sie mir nie gewesen,“ gestand der Amtsrat freimütig ein, „dazu hatte sie zu viel von ihrem Vater.“

Ein verstehendes Lächeln erschien auf dem Frauenantlitz.

„Dann haben Sie ihrer Mutter sicher sehr nahe gestanden.“

„Woher wissen Sie das, Frau Präsident?“ Er sah sie erstaunt und unsicher an.

„Ich ahne es mit dem Gefühl der reifen Frau. – Der Vater war augenscheinlich niemals Ihr wahrer Freund. Die Tochter steht Ihrem Herzen nicht sonderlich nahe und dennoch wehrten Sie sich mit einem fast leidenschaftlichen Grimm gegen die Fortsetzung ihrer einst vom Vater gebilligten musikalischen Ausbildung, nachdem der berühmte Gönner tot war. Da muß also entweder das höchste Gefühl von Verantwortung und dieses haben Sie mir ja soeben abgestritten – oder das, einer geliebten Verstorbenen gegebene Versprechen zugrunde liegen.“

„So ist es wirklich. Evas Mutter war die beste und edelste Frau!“

„Sie sind unvermählt geblieben, Herr Amtsrat?“ Er nickte wehmütig.

„Ein paar mal habe ich später aus dieser Einsamkeit herauswollen und es doch nie über kläglich gescheiterte Versuche gebracht. Das heißt: verstehen Sie mich nicht falsch. Der andere Teil merkte nichts davon. Nur mit mir allein brachte ich die Geschichte in Ordnung. Das genügte. – Ich konnte Evas Mutter nicht vergessen.“

„Verzeihen Sie, wenn ich forsche. Unzartheit ist es nicht. Wie konnte es kommen, daß Sie sich nicht – war selbst anfangs keine Gegenliebe vorhanden – von so viel Tiefe und Treue rühren ließen?“

Sein grauer Kopf neigte sich auf die Brust.