„Als ich sie kennen lernte, gehörte sie schon dem Andern. Und ich war sein Freund und nächster Nachbar. Wissen Sie.. kein Freund, wie Sie und auch ich jetzt, ihn verlangen. Dazu waren wir Beide viel zu verschieden. Ich eines schlichten Vaters vierter und jüngster Junge, zur strengsten Arbeit und Pflichterfüllung seit den ersten Hosen an, erzogen – er, der Einzige des schönen, flotten und leichtsinnigen Majoratsherrn auf Waldesruh. Springt man aber jahrelang zusammen barfuß über die Stoppeln, lauert im Erlenbusch auf die nistende Rohrdommel oder Nachtigall, weil irgend ein Landbezopftes dem dummen Jungen den Kopf verdreht hat – na, dann macht sich so was von selbst. Mein Vater hat zudem dem flotten alten Herrn auf Waldesruh des öfteren ausgeholfen, ohne sonderlich streng auf die Zinsen zu sehen. So kams, daß er, der sonst reichlich hochmütig sein konnte, auch mich als Spielgefährten seines Sohnes gnädig duldete. Meine Brüder sind in andern Provinzen untergekrochen. Bis auf einen, der sich glücklich bis zum Major durchgehungert hat und, nachdem ihm ein Jagdunglück, das kriegerische Handwerk gelegt, hier in Berlin mit seinen beiden Kindern kein beneidenswertes Dasein hatte. Die Landwirte saßen auf guten, kleinen Höfen, die Mann, Weib und Kind ernähren. Sie sind schon verstorben. – Ich kam durch das Erbteil einer Muhme in die Lage, die väterliche Domäne zu übernehmen, nachdem mein alter Herr sich zum Sterben hingelegt hatte. – Ein Jahr später schoß sich der schöne, tolle, leichtsinnige Vater Ostried eine Kugel durch den Kopf. Sein Sohn, der bei den Pasewalker Kürassieren stand, mußte die Uniform ausziehen. Das verlangte eine Familienbestimmung. Er tat es ungern, wenngleich er sich trotzdem so viel Vergnügen, wie nur irgend möglich, bereitete. Kaum war das Trauerjahr zu Ende, jagte ein Fest das andere. Der Acker kam dabei natürlich nicht zu seinem Recht. Aber, ich merke schon, ich erzähle zu langatmig, Frau Präsident.“ Sie wehrte ab.
„Mich interessiert auch das Kleinste in Ihrer Geschichte, Herr Amtsrat. Und Zeit haben wir reichlich. Der Blick, den Sie soeben nach der Tür warfen, soll wohl die Frage nach Eva von Ostried ausdrücken, nicht wahr?“
„Stimmt wieder. Sie ist doch noch bei Ihnen?“
„Sonst wüßten Sie es längst anders. Sie besorgt jetzt nur allerhand für ihren Geburtstag. Ich bin leider für körperliche Anstrengungen nicht mehr tauglich. – Nachher hoffe ich, werden Sie sie noch bestimmt sehen können.“
Er wiegte bedächtig den Kopf hin und her.
„Darauf lege ich keinen Wert, Frau Präsident. Ich würde ihr gegenüber entweder gerührt – oder hilflos sein. Beides könnte den mangelnden Respekt nicht bringen. – Nein, lassen Sie nur! Will es der Zufall, daß sie kommt, so lange ich da bin, drücke ich mich natürlich nicht.“
Sie verstand ihn wieder.
„Und nun weiter,“ drängte sie.
„Ja und zu einem dieser stolzen Feste kam denn auch eine vergrämt aussehende Baronin mit ihrer Tochter. Mich hatte er auch geladen, und – weiß Gott – wie es kam, ich erschien, obwohl ich zuvor dutzende von Malen abgesagt hatte. – Bis dahin wußte ich nicht viel davon, wie lieblich eine Frau sein kann. Denn die Langbezopften in unserm Dorf hatten fast durchgängig Regennasen und derbe, rote Gesichter. Ich war auch sonst keiner von den Redseligen. Aber an dem Tage konnte ich überhaupt keinen Ton rausbringen. Nicht mal einen Glückwunsch fand ich zusammen, als mir mein Freund – Hasso von Ostried – die mir unirdisch schön erscheinende Tochter der alten Baronin als seine Braut vorstellte. – Ich habe sie dann auch noch singen hören. Mein Gott – zu Musik hat bei uns nie die Zeit gereicht. Darum wußte ich vorher nichts von ihrem Zauber. Er hat alles in mir wach und groß gerüttelt. Aber es durfte doch nicht leben. Als ich lange nach Mitternacht heimgestolpert bin, wußte ich, daß ich Hasso von Ostrieds Braut liebte – und wollte nie, nie wieder in sein Haus. Ihr nie – nie wieder begegnen. Und bin nachher doch, ganz freiwillig, hingegangen, weil ich wußte, daß sie bald Einen nötig hatte, der es treu und gut mit ihr meinte. Auf den sie unbedingt zählen konnte, wenn das unbarmherzige Kreuz für ihre schwachen Schultern zu schwer würde. – Denn er, der von Gottes- und Rechtswegen dazu bestimmt gewesen, kümmerte sich bloß die ersten Jahre um sie. Nachher war anderes genug da. – Die Jagd – schöne Gäule – auch ein paar Frauen, die seiner nicht das Wasser reichen konnten. Auch wollte er es nicht verwinden, daß das endlich geborene Kind ein Mädchen war und keinen Bruder bekam. – Sie – Evas Mutter – wurde blasser und elender von Jahr zu Jahr. Er hat gelacht, wenn ihn einer warnend darauf hinwies. Ihre Tröster waren die Musik und – ich! Das hat sie mir gestanden – drei Tage vor ihrem Tode, der ganz leise und sanft gewesen sein muß, denn Niemand im Schloß hat etwas früher davon gemerkt, als bis alles vorüber gewesen ist.“