„Und sie hat nicht gewollt, daß Eva, wenn sich die schöne Begabung auf sie übertrüge, sie jemals öffentlich ausübe,“ fragte die Präsidentin, als er einen Augenblick schwieg.

„Sie hat mein Versprechen mit ins Grab genommen, Frau Präsident.“

„Darf ich wissen, worin dies bestand, Herr Amtsrat?“

„Das ist ja die Hauptsache, damit Sie mich und meine damalige Schroffheit endlich verstehen. Sie müssen wissen, daß sie sich niemals zu mir über ihren Mann beklagt hat. Darum hat mich dies Letzte auch so erschüttert. Für sich und ihre Schönheit wollte sie nichts. Jahraus – jahrein ging sie in einem weißen Kleide und ich glaube nicht, daß sie etwas anderes anzuziehen hatte. Manch einer riß seine Witze drüber und hat gemeint, sie spare heimlich, um dem teuren Gatten alle Jahr ein paar Flaschen echten Sekt zu schenken, von dem die Buddel damals schon 30 Mark gekostet hat. Ich als Einziger habe die Wahrheit erfahren dürfen. Ganz zuletzt – wie schon gesagt. Ich will Ihnen ihre Worte wiederholen. „Sie sollen über meiner Tochter wachen,“ hat sie gebeten und als ich leise auf Evas Vater hinweisen mußte, nur geflüstert: „Sie wird ihm bald genug eine Last sein, denn er ist noch jung und will viel vom Leben. Die Ostriedschen Familiengesetze verlangen aber, daß den unmündigen Töchtern bei einer zweiten Eheschließung ein Vormund gesetzt werde. In gewisser Weise hängt er an ihr,“ hat sie dann weiter gesagt, „denn sie wird einst sehr, sehr schön sein. Das macht ihn stolz. Sonst aber – innerlich – empfindet er dauernd ein Unbehagen, Eva und er gleichen einander zu sehr. Sie ist eitel und egoistisch wie er – schon jetzt – und..“ Hier hat sie ihr Gesicht in den Händen verborgen, als schäme sie sich ihrer Geständnisse, „ich glaube beinahe, käme sie nicht in sehr feste, treue Hände, daß auch sie es mit den Begriffen der Ehre nicht so ganz genau nähme. Darum – solange Sie Gewalt über sie haben, erlauben Sie nicht, daß sie das Talent, das ich ihr vererben mußte, – die Stimme, deren Schönheit sich meinem Ohr längst angekündet hat, zum Beruf ausbildet. Er würde ihr zum Unsegen werden. – Ich selbst dachte niemals an etwas derartiges. Schon der Gedanke, mich öffentlich zeigen zu sollen, mich von jedem bewundern und anstarren zu lassen – machte mir Schmerzen. – Entwickelt sie sich aber weiter zur Tochter ihres Vaters, wird sie gerade dies glühend ersehnen..“ Ja, so hat sie gesprochen, Frau Präsident. Zuletzt händigte sie mir noch ein Päckchen ein, das ich ihrer Tochter bei deren Volljährigkeit übergeben müsse. Es waren fünfhundert Mark. Wieviel Entbehrungen mochten daran hängen? Bedenken Sie, aus der Hauswirtschaft nahm sie keinen Pfennig ein. Was der Garten abwarf, bekam der Schloßherr gleich auf den Schreibtisch – wenn die Kaufleute die Erzeugnisse nicht schon zuvor für längst gelieferte Waren mit Beschlag belegt hatten. Einzig hundert Mark im Jahr erhielt sie aus einer Stiftung vonseiten der verstorbenen Mutter her. Davon also hat sie dies zusammengerafft. – Ich hab’s gut angelegt und hier ist es. Es sind tausend Mark draus geworden. Nicht viel.. Ich habe mir erzählen lassen, daß nach ihrem Tode der Witwer einer schönen Schauspielerin einen einzigen Mantel für das Dreifache gekauft habe. – Aber, es ist doch viel mehr wert wie Millionen. Das Herz dieser seltenen, tapferen Frau hängt daran. Wollen Sie das alles ihrer Tochter erzählen? – Ich kann’s nicht so. Ich würde wieder und wieder denken müssen.. das ist Hasso Ostrieds Tochter.. und würde das Bild vor mir sehen, das ich oft in Wirklichkeit hatte. Obschon der zwei Jahre nach ihrem Tod von dem Ostriedschen Kuratorium zwangsweise eingesetzte Verwalter des Majorats ihnen später jeden Kohlkopf und Groschen zugezählt hat und die Eva mit ihren siebzehn Jahren auch nicht mehr gänzlich blind und taub durch die Tage ging – hat sie die Feste, die er – wer weiß – aus welchen Mitteln, schließlich wieder veranstaltete, mitgemacht – sich allerlei bunte Fähnchen gekauft und mitgelacht..“

„Vergessen Sie ihre Jugend nicht, Herr Amtsrat.“

„Ihre Mutter ist auch jung gewesen und schön wie ein Engel und rein und hochbegabt,“ murrte er.

„Vielleicht auch glücklich. – Wissen Sie denn, Herr Amtsrat, ob es ihr nicht ein tiefes großes Glücksempfinden brachte, daß Sie ihr ergeben waren?“

„Daran habe ich niemals gedacht.“

„Und es liegt doch so nahe! Ich denke mir, daß sie Ihre feine, starke Liebe immer fühlte und das unbegrenzte Vertrauen zu Ihnen faßte, weil Sie sich im Zaum hielten. Eine Frau geht nicht dauernd an tiefstem Mannesempfinden vorbei. Vielleicht wäre sie sonst unter ihrer Last zusammengebrochen.“

Er saß ganz still. Seine breiten, sonnverbrannten Hände lagen schwer auf den Knien.