„Hier ist auch noch der Umschlag, in dem das Gefundene steckte, Herr Rechtsanwalt.“
„Wie, Sie selbst haben es gefunden, Herr von Ostried?“
„Ohne meinen Vorsatz allerdings! Ich ließ das Kellergewölbe im Waldesruher Schloß aufreißen, damit das schadhafte Mauerwerk ausgebessert werde. Die merkwürdig geformten Nischen und die zahlreichen Verstecke mit den unsichtbar eingelegten Steintüren interessierten mich umso mehr, als bereits mein Großvater, der wie ich Sammler von Altertümern war, uns Kindern von kostbaren seit den Kreuzzügen dort lagernden Schätzen erzählt hatte. In Wahrheit fand sich nur ein verrosteter Eisenkasten vor, der dies Schriftstück barg. Ob mir oder den andern der Fund angenehm sein konnte oder das Gegenteil, habe ich wirklich nicht erwogen. Es war einfach meine Pflicht, daß ich ihn nach Kenntnis des Inhalts ungesäumt dem Senior unserer Familie, meinem Vetter, Generalleutnant von Ostried, unterbreitete. Dies ist geschehen.“
Das klang ohne jede Beimischung von Gefühlswärme, wie Walter Wullenweber feststellte. Es beruhigte ihn. Mit einigem Eifer begann er den Entwurf der neuen Bestimmung zu formen. Jetzt war er fertig, überlas alles und übergab es dann der Exzellenz, die es laut zum Gehör brachte.
„Ausgezeichnet,“ stellten sie beide fest. „Wir können die Herrschaften wieder zusammentrommeln lassen.“
„Einen Augenblick,“ sagte Horst Waldemar plötzlich, als sich die Exzellenz erhob, um seinen Hermann zu beauftragen. „Den letzten Punkt haben Sie zu erwähnen vergessen. Sie erinnern sich doch, Herr Rechtsanwalt?“
– Eine halbe Stunde später einten sie sich wieder um die lange feierliche Tafel. Nur die Reihenfolge war ein wenig verändert. Eva von Ostrieds Platz hatte jetzt der Regierungsassessor eingenommen, während Walter Wullenweber zwischen dem Generalleutnant und dem Waldesruher saß.
Das Stiftsfräulein Hermine fuhr, nachdem der Generalleutnant nach den unwichtigen Abänderungen den Punkt der neuen Erbfolge zur Kenntnis gebracht, von ihrem Stuhl empor. Auch die andern starrten mehr oder minder überrascht, nach dem Sprecher hin, der das Auffinden des alten Schriftstückes noch mit keinem Worte erwähnt hatte. Er hatte absichtlich davon geschwiegen.