Die alte Pauline hatte ihren Namen nicht mehr erwähnt, seitdem er es ihr verboten. Das war damals nach Eva’s Brief gewesen, als er noch geglaubt hatte, daß sie nun für ihn abgetan sei. Jetzt war er oft auf dem Wege zur Küche, um ihr zu gestehen, daß er ihr Schweigen nicht länger ertragen könne. Hinein ging er niemals. Er blieb vor der geschlossenen Tür und schüttelte den Kopf über seine Schwachheit.

Als er eines Morgens gegen neun Uhr an dem Schreibtisch seiner Arbeitsstätte schaffte, brannte noch die elektrische Lampe. Um diese Stunde durfte, ohne Vereinbarung, kein Klient vorsprechen. Heute meldete der kleine musikalische Schreiber, dem dies Amt bis zur Tischzeit oblag, eine Dame, die ihn ungesäumt in dringendster Angelegenheit zu sprechen wünsche. Mit einem Schlage durchfuhr ihn die Hoffnung, daß es Eva von Ostried sein könne. Er überlegte nichts, sondern starrte der sich öffnenden Tür entgegen. – Es war aber das Stiftsfräulein Hermine, die grau wie der herbe Tag, vor ihm stand.

Er wollte ihr kurz und unfreundlich eröffnen, daß sie sich bis zur angezeigten Sprechstunde zu gedulden habe... aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Ungehindert ließ er sie sprechen.

„Ich möchte Sie um meine Unterschriftsbeglaubigung bitten, Herr Rechtsanwalt.“ Dabei hatte sie schon mehrere Schriftstücke vor ihn ausgebreitet und wies mit der harten, knöchernen Hand darauf hin. „Es ist nämlich eine außerordentlich dringende Sache. Ich habe mein Geld mit sechs Prozent anlegen können, während ich bisher dumm genug war, es für nur vier einem kleinen Gutsbesitzer zu überlassen.“

Aus ihren Augen leuchtete die Habgier. Er merkte es deutlich, aber es stieß ihn, den sonst Feinfühligen, nicht ab. Sein persönliches Empfinden regte sich nicht.

Die Beglaubigung war schnell getan. Trotzdem blieb das Stiftsfräulein noch. Sie hatte denselben Stuhl inne, wie damals Eva von Ostried. Daran mußte Walter Wullenweber plötzlich denken. Die zusammengefalteten Schriftstücke lagen immer noch in seiner Hand, ohne daß die Eigentümerin Miene machte, sie an sich zu nehmen.

„Ich bitte sehr, das gehört Ihnen.“

Sie nickte. Aber sie nahm sie ihm trotzdem nicht ab. Um seinem Blicke einen Ruhepunkt zu geben, senkte er ihn darauf nieder und las mechanisch den Namen eines waghalsigen Unternehmers, der seit Jahren ungeheure Werte an Grund und Boden an sich brachte. Sein Name war ihm vielfach begegnet. Ohne, daß ihm bisher die Gerichte sein Handwerk zu legen vermochten, hatte doch jeder, der sich mit seinen Angelegenheiten beschäftigen mußte, das deutlichste Gefühl, daß dies Werk vieler Millionen eines Tages zusammenbrechen und unzählige Vertrauensselige unter sich begraben und zermalmen werde.

Die Verantwortung des Beraters von Rechtswegen regte sich in ihm. Auch dieser Unangenehmen gegenüber!

„Sie haben das Geld doch noch nicht hingegeben?“